OTA
- Trauma und Fraktur
- von Lisa Danulat
- Uraufführung
- Theater Drachengasse
- 2. – 28. März 2026, Di–Sa um 20 Uhr
ich packe diesen Moment innerlich in Formaldehyd
OTA steht im Krankenhaus für Operationstechnische Assistentin. Und Ota ist auch die Hauptfigur dieses Stückes, die uns mitnimmt in ihre Welt, uns den Alltag im Krankenhaus, die Hierarchien, die Arbeitsabläufe im Operationssaal durch ihre Augen sehen lässt, vom frühen Aufstehen bis zum Feierabendbier. Ota ist fasziniert von Körpern und der Schönheit der Reparatur des Menschen. Ihr Chef hat ihr vor neun Jahren auf der Weihnachtsfeier gesagt, sie sei eine seiner wertvollsten Mitarbeiter:innen. Sie lebt für ihre Arbeit, navigiert gekonnt durch Wiederholungen, Routine und Abweichungen, bis, ja bis der Chef Zweifel an ihrer Leistungsfähigkeit äußert und ihre Arbeitskraft und damit ihre Berufung in Frage stellt.
In ihrem Klinikmärchen, inspiriert ebenso vom Berufsalltag wie von Wes Anderson, Lars von Trier und der Schwarzwaldklinik, spielt Lisa Danulat subtil, poetisch und humorvoll mit dem Alltag einer OP-Schwester zwischen Berufung, Arbeitsflow und Überlastung. Dabei setzt sie dem Klischee der Arztserie mit OTA eine Welt aus poetischer Überformung, ungeschöntem Alltag und einer gewissen Leichtfüßigkeit entgegen.
Das Personal bewegt sich fast wie Figuren aus Kaurismäki-Filmen durch diesen Klinikalltag, in dem Operationsbesteck und Vorbereitung zur OP neben Visionen von Rehen am Straßenrand stehen.
Regie: Sandra Schüddekopf
Bühne, Kostüme: Ágnes Hamvas
Musik, Sound Design: Rupert Derschmidt
Choreografische Mitarbeit: Christina Osternig
Regieassistenz: Carlotta Wachotsch
Es spielen: Zeynep Alan, Amy Benkenstein, Karoline-Anni Reingraber, Sebastian Thiers
Rechte bei Rowohlt Theater Verlag, Hamburg
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten
Dank an die Klinik Hietzing und an Tina Lindemann.
Dank an Axel Steiner für die Benutzung des Rehfotos und an Wim van Egmond für die Benutzung des Penicillin Fungus-Visuals.
"Ota" im Theater Drachengasse zeigt einen Arbeitsplatz im OP
Autorin Lisa Danulat ließ auf ihre Ausbildung zur OP-Assistentin ein Stück folgen. Sandra Schüddekopf findet dafür eine formal stimmige Inszenierung.
Recherche ist alles! Ohne genaue Kenntnis eines Sachverhalts lässt sich auch kein aufschlussreiches Theaterstück schreiben. Das galt schon für William Shakespeare oder Agatha Christie. Lisa Danulat hat sich für ihr Stück OTA maximal schlau gemacht. Die 1983 in Frankfurt am Main geborene Autorin – u.a. war sie Stipendiatin beim Drama Forum Graz sowie bei der Hans-Gratzer-Schreibwerkstatt am Schauspielhaus Wien – unterzog sich von 2021 bis 2024 einer Ausbildung zur operationstechnischen Assistentin. Die Kurzform dafür gab dem Text den Titel: OTA.
Es darf also davon ausgegangen werden, dass die Autorin mit einem "Sauger mit 6er-Ansatz" oder einem "0er Vicryl mit SH Nadel" selbst hantiert hat, und auch den Begriff "Ethik-Müll" (Amputate) unmittelbar im Arbeitsleben kennengelernt hat. Denn OTA. Trauma und Fraktur erzählt via die (Selbst-)Wahrnehmungen der gleichnamigen Hauptfigur (Karoline-Anni Reingraber) einerseits von Arbeitsabläufen im Kosmos der Chirurgie mitsamt allen gruppendynamischen Prozessen und damit aber auch vom individuellen Menschen, der sich innerhalb von Berufszusammenhängen bewegt. Und man muss sagen: zu bewegen hat. Denn im OP-Saal ist Leistung und ausnahmslos höchste Präzision verlangt, der Mensch aber nicht immer ausgeschlafen oder gut drauf.
Lässig aus dem T-Bone-Mikro
Im Theater Drachengasse federt Regisseurin Sandra Schüddekopf die Hochspannung dieses Schauplatzes mit einem formal geradezu gemütlichen, zumindest entspannenden, von Monstera-Pflanzen-Skulpturen umwucherten Setting aus warm beleuchteten Fliesen ab (Bühne, Kostüme: Ágnes Hamvas). In dieser Uraufführung wird das Schnalzen der Gummihandschuhe zur Pointe, der kalmierende Sound kommt lässig über ein T-Bone-Mikrofon geträllert ("Guten Morgen, Sonnenschein"). Danulats Text hat Chuzpe und Sätze, die erquicken: "Wenn Bertram anpackt, ist es, als würden zwei loslassen".
OTA will vorderhand kein Systemerhalter-Lob sein wie etwa im Vorjahr der Film Heldin von Petra Volpe, sondern zeigt "unaufgeregt", wie sich die Arbeitsbiografie einer Person mit den Jahren zum eigenen Hochleistungsarbeitsplatz verhält. Das trägt in einer Loop-haften Dramaturgie auch kecke Vorabendserien-Plotpoints in sich. Spitzfindig und dabei unterhaltsam.
derstandard.at, 03.03.2026
Brutaler Alltag einer OP-Assistentin: technisch seziert, humorvoll serviert
Der Monolog„OTA“ von Lisa Danulat im Theater Drachengasse.
Die Dramatikerin Lisa Danulat, 1983 in Frankfurt am Main geboren, absolvierte von 2021 bis 2024 eine Ausbildung zur operations technischen Assistentin: um etwas „Richtiges“ zu lernen. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie in „OTA“: Eine Frau namens Ota berichtet lapidar über ihren Alltag und den Schichtbetrieb im Klinikum. Der Wecker klingelt um 4.08 Uhr, die Schnittzeit ist um 8.45 und die Nahtzeit um 9.25 Uhr. Ota nimmt ihren Job ernst, sie geht darin auf, sie ordnet ihm alles unter. Die sprachlich fulminante Verdichtung ergänzen exemplarische Begegnungen und Ereignisse – wie in „Emergency Room“ oder anderen Spitalsserien, aber auf einer abstrakten Ebene. In diesem stellenweise humorvollen Monolog über „Trauma und Fraktur“, so der Untertitel, gibt es auch eine Entwicklung – infolge von Veränderungen im Team und herben Enttäuschungen.
Wiener Schirurginnen
Für die Uraufführung, die am Montag im Theater Drachengasse stattfand, konzipierte Ágnes Hamvas ein kühles Klinik-Setting samt bizarren OP-Overalls. Sandra Schüddekopf garnierte den Text mit Slapstick, Tanzeinlagen und einer präzisen Seilschaft-Metapher. Zudem verortete sie „OTA“ nach Wien: Karoline-Anni Reingraber, aus Rostock gebürtig, gelingt es zwar, „Kaffee“ richtig zu betonen, die Kaffeesahne sträubt sich aber der Nostrifizierung. Und andauernd ist von „Schirurginnen“ die Rede, die mal überheblich sind, mal jovial. Zeynep Alan, Amy Benkenstein und Sebastian Thiers assistieren Ota in wechselnden Rollen. Beklemmend blitzt immer wieder ein nicht verarbeitetes Trauma auf. Insgesamt eine äußert würdige, etwas zu lange Auseinandersetzung mit einem Beruf, der zu wenig Wertschätzung erfährt.
Kurier, 04.03.2026