ARBEITEN? ICH WILL MICH DOCH NICHT VERSCHLECHTERN*

  • *Arno Dübel, 'Deutschlands frechster Arbeitsloser'
  • FINALE NACHWUCHSWETTBEWERB 2026
  • Bar&Co
  • 18., 20. – 22., 26., 27., 29. Mai; 1. und 2. Juni 2026 um 20 Uhr
    Keine Vorstellungen am 19., 23., 28., 30. Mai 2026

In zehn Vorstellungen sind die vier fürs Finale ausgewählten Kurzstücke nacheinander zu sehen.

DIE FINALIST:INNEN

DAS WESEN DER ARBEIT, EIN WEINENDER STEIN

Nachts in einem Unternehmen für Gesteinsarbeiten: mitten im Raum ein großer Stein, über den Wasser rinnt. Eine junge Angestellte schultert einen großen Teil der Arbeit alleine. Ihr Kollege entzieht sich, indem er heimlich ein Stück schreibt. Als die Abteilung schließen muss, stellen sich Fragen nach Solidarität, Schuld, dem Wert der Arbeit und dem nie gelebten Leben.

Ein Projekt von Adele Bauer, Niklas Draeger, Lara Freimuth, Antonia Grahmann, Patrice Grießmeier, David Jakob Hirmer, Allegra Kortlang, Anna Philippa Müller, Nikolay Sidorenko, Lukas Stipar

Das Team dankt: der Wisława Szymborska Foundation für die freundliche Bereitstellung ihres Gedichtes Gespräch mit dem Stein.

IHR WERDET VIELLEICHT SAGEN, ES IST EINE KLEINE WELT, ABER NICHT, WENN MAN SIE SAUBER MACHEN SOLL.¹

Wir betreten ein Forschungs- und Archivzentrum zu Beginn des 22. Jahrhunderts. Wachstum und Optimierung gelten als höchste Instanz, Stillstand als Systemfehler. Zwei humanoide Wesen gehen hier ihren Aufgaben nach: dem Verarbeiten und Archivieren arbeitsbezogener Daten.

Bis unerwartet ein menschlicher Körper auftaucht, unproduktiv und dennoch präsent. Seine Existenz konfrontiert die Figuren mit einer Vielfalt an menschlichen Erfahrungen und verschiebt die bestehenden Verhältnisse.

¹ Die Angestellten, Olga Ravn

Ein Projekt von Coco Brell, Julian Gutmann, Nike Hartmond, Hansi Wimmer, Leah Luna Winzely, Pia Zimmermann

Das Team dankt: Karin Macke und dem Verein ARTELIER, Philipp Turinske für die Maske, Caro Pixel für die Begleitung, Coco Brell für die Musik und Katharina Rose für das Einspringen am 29. Mai.

ABSTIEG APER

Es ist Winter, doch der Berg ist aper. Im Tal haben alle Arbeit, aber am Berg? A. ist Forscherin und auf der Suche nach dem letzten Arbeitslosen. Die Bergstation der Seilbahn erinnert an ein Arbeitsamt. Hier arbeitet B., sein ganzes Leben lang schon. Doch woran? Am Gipfel der Arbeitslosigkeit treffen zwei Personen aufeinander: eine aus dem Tal und einer von oben. Können sie einander verstehen?

Ein Projekt von Vivienne Causemann, Julius Florin, Monika Kovačević, Nikiforos Papadoudis, Lukas Schöppl, Rupert Wimmer

Das Team dankt: Christian und Sophie.

SLEEPING BEAUTY

Ein Bett. Zwei Körper. Kein Aufstehen.
Eine Erzählung von Müttern, von Schlaf, der keiner war.
Ausgehend vom Märchen Sonne, Mond und Talia untersucht Sleeping Beauty das westliche Schreckensbild des „faulen migrantischen Körpers“. Zwischen Care-Arbeit, Erschöpfung und Dekadenz entsteht ein Zustand nach der Arbeit. Wer darf sich ausruhen – und wessen Müdigkeit gilt als Beweis der Faulheit?

Ein Projekt von Naomi Dutzi, Julia Gudi, Dominika Hebel, Daniel Krimsky

Das Team dankt: Alex Kapl und Veronika Artibilova für die Gespräche, den Support und die klugen Anmerkungen und dem FEZ – Verein zur Förderung künstlerischer Betätigung.

Der diesjährige Jurypreis wird von Anna Horn (Künstlerische Leiterin Dschungel Wien), Stefan Lasko (Regisseur) und Martin Thomas Pesl (Kurator für Theater, Tanz und Performance der Stadt Wien) vergeben werden.

Ausschreibung Nachwuchswettbewerb 2026

Statistik Teilnehmer:innen

Resümee

EMPFOHLEN

„Arbeiten? Ich will mich doch nicht verschlechtern“ – Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt

Im Finale des Nachwuchswettbewerbs des Theaters Drachengasse stehen vier Stücke zum Thema „Arbeiten? Ich will mich doch nicht verschlechtern“ auf dem Dienstplan. Je 20 Minuten Kernzeit füllen die Theaterschaffenden mit kurzweiligen Werken zu Systemrelevanz und Sinnhaftigkeit von Arbeit im Spätkapitalismus.

Die poetische Arbeitsmarktsatire „Das Wesen der Arbeit, ein weinender Stein“ fragt, ob sich Schufterei je auszahlt. Vielleicht hat der Kollege recht, wenn er in der Arbeitszeit ein Theaterstück schreibt! In die Zukunft führt „Ihr werdet vielleicht sagen, es ist eine kleine Welt, aber nicht, wenn man sie sauber machen soll“. Coco Brell und Pia Zimmermann spielen anrührend roboterhafte Wesen im Arbeitstrott, der Störfaktor Mensch bringt ihr System ins Wanken. „Abstieg aper“ verbindet Klimawandel, akademisches Prekariat und Beamtentum in einer Seilbahnstation zur irrwitzigen Meditation über Arbeitslosigkeit.

Voll pinker Popkultur seziert schließlich „Sleeping Beauty“ die Lebensläufe migrantischer Eltern und reflektiert das kulturelle Kapital, das ihre Kinder daraus schlagen können. Zuschauer haben beim Publikumspreis ein Stimmrecht, dieser und der Jurypreis werden am 2. Juni vergeben. Der Lohn für Letzteren ist mehr Arbeit an dem Stück in der nächsten Spielzeit.

FALTER: Woche 22/2026, 26.05.2026


Arbeiten? Ist das gut, kann das weg oder was?

Beim 18. Nachwuchsbewerb im Theater Drachengasse widmen sich vier Teams unterschiedlichen Gesichtspunkten der Auseinandersetzung mit Arbeit und Lebenssinn.

Arbeiten? „Ich will mich doch nicht verschlechtern“, wird „Deutschlands frechster Arbeitsloser“ (Arno Dübel, 1956 – 2023) mit seiner Antwort auf die Frage „Arbeiten?“ zitiert. Mit 20 brach er – so der Wikipedia-Eintrag über ihn – seine maler-Lehre ab und war von da an arbeitslos. Ab den frühen 200er-Jahren wurde er von Sender zu Sender, von einer (Talk-) Show zur nächsten weitergereicht.

Dieses provokante Zitat sowie eines aus Georg Büchners „Dantons Tod“ – Unser Leben ist der Mord durch Arbeit, wir hängen 60 Jahre lang am Strick und zappeln, aber wir werden uns losschneiden“, machte das Theater Drachengasse zum Motto des Nachwuchsbewerbs 2026, der mittlerweile 18. Auflage. Von den 68 eingereichten Konzepten wurden vier ausgewählt, die rund 20-minütige Szenen spiel(t)en, eine Jury kürt – mit 2. Juni 2026 – das Sieger:innen-Projekt, das mit 10.000 € „belohnt“ wird – um eine abendfüllende Produktion für die kommende Saison weiterzuentwickeln.

Sisypha
Zum einen erinnert „Das Wesen der Arbeit, ein weinender Stein“ an das antike Bild von Sisyphos, der als Strafe für seine Verspottung des Todesgottes ewig einen Steinblock den Berg hinaufwälzen muss, der postwendend wieder runter rollt… Zum anderen nimmt er Arbeits- und Geschlechterverhältnisse aufs Korn. Ein Stein baumelt an Seilen, Wasser rinnt darüber. Eine Beschäftigte arbeitet sozusagen tagaus, tagein – oder auch die ganze Nacht hindurch daran. Und ihr Kollege? Der dichtet, schreibt – angeblich – an einem Theaterstück und lässt die Kollegin hängen. Auftritt einer Chefin: Aus Kostengründen muss die Bude schließen.

Zum Text und in der Regie von Niklas Draeger spielen Adele Bauer, Patrice Grießmeier, und Nikolay Sidorenko; Lara Freimuth (Bühne), Antonia Grahmann (Dramaturgie), David Jakob Hirmer (Bühnenbild-Assistenz), Allegra Kortlang (Regie-Assistenz), Anna Philippa Müller (Kostüme), Lukas Stipar (Musik).

Klein kann ganz schön groß sein
Was fast wie Empowerment klingt, dass Kleines auch ganz schön groß sein / werden, wird durch den Titel dieses Projekts, eines Zitats der dänischen Schriftstellerin Olga Ravn aus ihrem Roman „Die Angestellten“ ganz schön relativiert: „Ihr werdet vielleicht sagen, es ist eine kleine Welt, aber nicht, wenn man sie saubermachen soll.“

Dennoch drehen sich diese 20 Minuten genau gar nicht darum, sondern um das Aufeinandertreffen superoptimierter Mensch-Maschinen-Wesen in rund 200 Jahren mit einem (noch) echten Menschen, noch dazu einem unperfekten.

Den Text von Julian Guttmann und Leah Luna Winzley (die beide auch Regie führten) spielen Coco Brell und Pia Zimmermann, für Bühne und Kostüme sorgten Nike Hartmond und Hansi Wimmer.

Vollbeschäftigung?
Alle haben in „Abstieg Aper“ Jobs. Eine Forscherin (Vivienne Causemann) macht sich auf die Suche nach dem – angeblich – letzten Arbeitslosen. Im Tal gibt es keinen. Also rauf auf den Berg. Vielleicht da oben. Zwischen den Publikumsreihen bewältigt sie den Aufstieg zur höher gelegenen Bühne. Eine Lift-Kabine am Berg „entpuppt“ sich als Arbeitsamt, wo der Beamte (Rupert Wimmer) offenbar schon seit Jahrzehnten vor sich hin ins Leere arbeitet. Also auch nicht arbeitslos? Wie auch immer. Wenn sie reden, dann mehr aneinander vorbei.

Nikiforos Papadoudis und Lukas Schöppl haben den Text verfasst; Ersterer war für die Dramaturgie, Zweiterer für die Regie verantwortlich. Das Bühnensetting mit Liftkabine und ausziehbaren Stoffwänden hat Julius Florin, die Kostüme Monika Kovačević beigesteuert.

Schlafende Schöne
Märchenhafte Bilder beschert letztlich „Sleeping Beauty“ (Konzept und Regie: Julia Gudi). Wie Königskinder wandeln und schlafen Dominika Hebel und Daniel Krimsky. Das Team gibt als Ausgangspunkt für den Stückentwurf in der Tat ein Märchen an: Sonne, Mond und Talia. Es ist Teil der Sammlung „Das Pentameron“ von Giambattista Basile. Flachs spielt darin eine große Rolle – davon scheinen die Perücken inspiriert zu sein (Bühne und Kostüme: Naomi Dutzi). Wobei Thalia – diesfalls mit h – schon in der antiken griechischen Mythologie vorkam. Deren Schicksal: Im Auftrag der eifersüchtigen Frau eines Gottes, in späteren Märchen des jeweiligen Königs, umgebracht zu werden (Schneewittchen lässt grüßen!).

„Sleeping Beauty“ lässt dann auch noch ein wenig Aschenputtel anklingen – die ungeliebte Stieftochter, die die ganze Arbeit machen muss und dennoch nie anerkennt wird. Hier ist nicht zuletzt Care-Arbeit ein Thema und – dank polnischer Passagen von Dominika Hebel und russischer ihres Kollegen Daniel Krimsky – kommt auch (migrantische) Arbeit ins Spiel. Die widersprüchlichen Vorwürfe – alle faul bis die nehmen die Arbeit weg – werden ebenso angespielt wie das Hinterfragen des eigenen davon erzeugten Leids.

Übrigens endet das genannte Märchen mit den Zeilen:
"Wem der Himmel wohlwill,
dem gibt er das Glück im Schlafe."

kijuku.at, 01.06.2026


Spielplan Januar 2022