Theater Drachengasse  Bar&Co
AKTUELLE PRODUKTIONEN
Aufgrund der aktuellen Entwicklung der Covid-19 Pandemie sind alle Termine abgesagt.

Das weiße Dorf

von Teresa Dopler
Uraufführung
Eigenproduktion Theater Drachengasse

Theater Drachengasse
Am 29. Jänner um 20 Uhr zeigen wir einen Mitschnitt der Aufführung als Video on demand.
Tickets: www.eventbrite.de
Kartenpreis: € 10.-

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Foto: Andreas Friess

 
Foto: Andreas Friess  

















 



dass uns beiden alles so gut gelungen ist, das ist ein großes Glück

Ein Kreuzfahrtschiff am Amazonas, an Deck begegnen sich Ivan und Ruth wieder. Zwei junge, erfolgreiche Menschen, beide sind mit ihren jeweiligen Partnern unterwegs. Während man an der Reling steht und auf die vorbeiziehende Landschaft schaut, spricht man zunächst über die Karriere und den reibungslosen Service an Deck. Das feuchte Klima drückt, man scherzt und ergeht sich in Lobreden über die gelungenen Lebensentwürfe.

Immer wieder treffen Ivan und Ruth einander an Bord dieses Schiffes, zuerst scheinbar zufällig, dann bewusst. Es knistert, sie flirten und bestätigen sich gleichzeitig, dass es nichts zu bedeuten hat, sie sind abgeklärt und können über alles lachen. Dennoch regt sich etwas in den beiden, es ist die Sehnsucht nach dem anderen, und vielleicht auch der Wunsch nach etwas, das diese glatt angelegten Leben übersteigt ...

Autor*innenpreis Heidelberger Stückemarkt 2019

Regie: Valerie Voigt
Bühne, Kostüme: Thomas Garvie
Choreografie: Karin Pauer
Musik: Scott Douglas Gordon
Regieassistenz: Theresa Kraus
Es spielen: Johannes Benecke, Naemi Latzer, Hugo Le Brigand, Julia Müllner

Rechte bei Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH


HÖRBEISPIEL


  Foto: Andreas Friess
  Foto: Andreas Friess

 

Teresa Dopler

 

Uraufführung
Alles im Lot: Teresa Doplers "Das weiße Dorf" in der Drachengasse

Ein Ex-Paar ringt mit seiner Leblosigkeit. Die Uraufführung im Theater Drachengasse wird am 29. Jänner als Videomitschnitt gezeigt.

Sage noch einer, die Zeit der Dialogstücke am Theater wäre vorbei. Figuren zerbröseln zwar in vielen zeitgenössischen Dramen vor unseren Augen und mit ihnen das soeben Gesprochene. Doch während die Realitäten auf den Bühnen gern unzuverlässig werden, erblühen an anderer Stelle die brillantesten Gespräche zwischen Menschen aus Fleisch und Blut. In Teresa Doplers Zweipersonenstück Das weiße Dorf beispielsweise.

Die 1990 in Oberösterreich geborene Autorin, Absolventin des UniT-Lehrgangs "Forum Text", lässt es im Dialog eines ehemaligen Liebespaars, das sich nun zufällig wiederbegegnet, nur so knistern. Es knistert hier aber keine Romantik, sondern es knistern die Maskierungen der Perfektion.

Ivan und Ruth sind so sehr auf Souveränität getrimmt, dass einfach nichts schiefgehen kann – und darf. Vor einigen Jahren führten sie eine Beziehung, doch dann ging Ivan zwecks Aufstiegs nach Amerika, verließ Ruth, und sie suchte sich dann einen neuen Freund. Nun befinden sich beide mit ihren aktuellen Lebensgefährten an Bord eines Kreuzfahrtschiffes, das nobel über den Amazonas gleitet.

Zelebrierte Mimik

Teresa Dopler zeigt zwei Menschen, die mit dem Wappnen ihres Lebens so beschäftigt sind, dass nichts mehr an sie herankommt, auch nicht die brasilianische Urwaldschönheit. Sie polieren ihre Oberflächen – entlang eines fabelhaft einfachen Dialogs, der sich vor lauter Freundlichkeit am Ende beklemmend im Nichts auflöst.

Valerie Voigts Uraufführungsinszenierung im Theater Drachengasse bringt dieses Uneigentliche der Protagonisten hervorragend zur Geltung. Ruth (Naemi Latzer) und Ivan (Johannes Benecke) stehen an der imaginierten Reling und zeigen die schönsten Manierismen von Menschen unter Dauerselbstkontrolle: eine zelebriert offenherzige Mimik, gut eintrainierte Gelassenheit, selbstoptimierte Posen und eine erstklassige Aussprache voller unaufdringlicher Selbstsicherheit.

Liebes-Smalltalk

Es ist wie ein ewiger Smalltalk der Liebe, in dem höflich abgewogen wird, bis alles im ewigen Lot ist. Man pflichtet einander bei, und am Ende jeder Einigung wird gelacht. Und obwohl die beiden voneinander immer noch angezogen sind, wird es am Ende gut gewesen sein, sich damals getrennt zu haben. Einfach deshalb, weil falsche Entscheidungen nicht ins Lebenskonzept passen. Die Schauspieler meistern das glänzend, ihre Bewegungen und Gesichter sind spannendes Falschspielerterrain. Als Antipoden zur Seite gestellt ist ihnen ein im knöcheltiefen Amazonas-Wasser (Bühne: Thomas Garvie) tänzelndes Paar (Hugo Le Brigand, Julia Müllner) als alternativer Entwurf zu ihnen.

Junge Erwachsene im Ich-Komplex gefangen: Das galt schon für Doplers Debüt Was wir wollen, uraufgeführt am Landestheater Innsbruck. Für Das weiße Dorf erhielt sie 2019 den Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts. Im März folgt in St. Pölten Monte Rosa. Es gilt ein Talent zu entdecken: Dopler erfasst die Dilemmata europäischer Privilegierter in unangestrengten Dialogen und in aller Schärfe.

DerStandard, 20.1.2021

Theater im Lockdown: Unerfüllte Erfüllung
Gelungene Uraufführung im Theater Drachengasse.

Der "große" Saal des Theaters Drachengasse ist schwer zu bespielen Mit der aktuellen Eigenproduktion, der Uraufführung von Teresa Doplers "Das weiße Dorf", ist in dieser Hinsicht schon mal ein feiner Glücksgriff zum 40. Gründungsjubiläum gelungen: Ein Wasserbecken, das bis auf einen schmalen Steg den gesamten Bühnenraum einnimmt und die Form einer Flussmündung zitiert, wird zum Sehnsuchtsort der beiden Protagonistinnen, denen Regisseurin Valerie Voigt nahezu die gesamte Spieldauer lang zwei stumme Wasser-Tänzerinnen (Choreografie: Karin Pauer) an die Seite stellt.

Auf einer Amazonas-Kreuzfahrt begegnen einander Ruth (Naemi Latzer) und Ivan (Johannes Benecke) nach mehreren Jahren unerwartet wieder. Einst harmonisches, zielstrebiges Jungpaar, reisen sie nun mit ihren neuen Partnerinnen. Beide haben die Karrieren eingeschlagen, von denen sie geträumt und an denen sie konsequent gearbeitet haben. Aus der einstigen Nähe ist gut eingeübter Oberflächendiskurs geworden, nur selten biegen die Dialoge ab in den Ansatz persönlicher Gespräche, in denen für Sekunden etwas von Verlorenem und Sehnsucht mitschwingt, ehe eingeübt naive Lebensbeobachtungen die Figuren wieder auseinanderdriften lässt.

Wiener Zeitung, 20.1.2021

Balzen am Amazonas: „Das weiße Dorf“ im Theater Drachengasse

Hässliche neue Theaterwelt: Beim Einlass am ausgangsbeschränkungskompatiblen Spätnachmittag wird nach einem gültigen Coronatest gefragt, das Publikum sitzt im Schachbrettmuster und trägt FFP2-Masken. Gestern, Montag, gab es im Wiener Theater Drachengasse einen kleinen Vorgeschmack auf die Zukunft. Das Stück „Das weiße Dorf“ feierte als Presse-Premiere seine Uraufführung und wurde ostentativ akklamiert. Nur für den künftigen Zwei-Meter-Abstand muss noch nachjustiert werden.

Rund 25 geladene Gäste konnten nun also das 2019 mit dem Autor*innenpreis des Heidelberger Stückemarkts ausgezeichnete Stück der 1990 in Oberösterreich geborenen und in Wien lebenden Autorin Teresa Dopler erstmals auf der Bühne sehen. In Heidelberg war die geplante Uraufführung der Pandemie zum Opfer gefallen, und auch die Termine, zu denen die Inszenierung der Kärntnerin Valerie Voigt in Wien für „normale“ Zuschauer zu sehen sein wird, stehen nach der jüngsten Lockdown-Verlängerung noch nicht fest. Immerhin gibt die Theaterszene damit ein Lebenszeichen von sich: Schaut her, es gibt uns noch! George Tabori hat einmal versichert, Theater werde immer überleben, und sei es in den Katakomben. Danach fühlt es sich nun ein wenig an.

In diesen Katakomben galt es nun, Kreuzfahrt-Feeling herzustellen, auch etwas, was wohl noch längere Zeit nicht möglich sein wird. Doplers Stück spielt nämlich auf einem Kreuzfahrtschiff am Amazonas. Dort begegnen einander Ivan und Ruth wieder. Zwei junge, erfolgreiche Menschen, die einmal beinahe zusammen waren und einander karrierebedingt aus den Augen verloren haben. Nun sind sie mit ihren jeweiligen Partnern unterwegs - und genießen die Gespräche miteinander sehr. Die Partner bekommt man nie zu sehen. In Voigts Inszenierung könnten sie allerdings jenes Tanzpaar sein (Hugo Le Brigand und Julia Müllner), das sich langsam und wortlos in einem Wasserbecken in der Mitte des Theaterraumes bewegt, während auf einem kleinen Steg an der Stirnseite des Raumes Ivan und Ruth einen Dauer-Dialog absolvieren.

Überhaupt hat der 90-minütige Abend etwas stark Choreografisches: Voigt setzt sehr auf Stilisierung, auf Überhöhung, auf einen Rhythmus, der sich nicht nur in der Sprache, sondern auch im Körper ausdrückt. Es braucht recht lange, bis sich der Zuschauer daran gewöhnt hat. Dann hat aber auch der Text die Ebene der banalen Konversation verlassen und nimmt - während die Amazonas-Dörfer und Affen-Kolonien imaginär vorbeiziehen - Kurs auf Abtasten, Flirten, Anbahnen, Öffnen. Johannes Benecke und Naemi Latzer absolvieren den Balanceakt zwischen Natürlichkeit und Künstlichkeit ohne Absturz.

Im Zentrum steht der Schein, das Bild, das man für die anderen abgibt, und hinter dem erst ganz langsam und zögerlich der Blick auf das eigentliche Sein freigegeben wird. Da bleibt vieles in Schwebe. Offen bleibt leider auch die Frage, wann wieder gespielt werden kann. Fix dagegen ist: So einfach wird man nie mehr zu einer Amazonas-Kreuzfahrt kommen. Obwohl man zugeben muss, von der Landschaft rein gar nichts mitzubekommen. Ist ja aber auch ein verdammt breiter Fluss, dieser Amazonas...

APA, 19.1.2021

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