Theater Drachengasse  Bar&Co
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Grooming

von Paco Bezerra
Deutsch von Franziska Muche

Österreichische Erstaufführung
Eigenproduktion Theater Drachengasse

Theater Drachengasse
30. Oktober – 25. November 2017
Di-Sa um 20 Uhr

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Foto: Andreas Friess

 
Foto: Andreas Friess  







































Wenn man sich die Welt von heute so ansieht, hast du eigentlich sogar Glück gehabt mit mir.

Ein Mädchen und ein Mann auf einer Parkbank. Er redet, sie schweigt. Er redet auf sie ein. Sie schaut starr geradeaus. Bis er sie auffordert, ihm die Schuhbänder zu binden. Sie tut es und will gehen. Das aber ist gegen die Vereinbarung, die er mit ihr im Chat getroffen hat. Ein kleiner Gefallen noch und dann. Sie erfüllt ihn zwischen seinen Beinen und will gehen. Doch warum lässt sie sich nicht von ihm heimbringen? Vertraut sie ihm denn nicht?

Das Mädchen scheint die schlechteren Karten in der Hand zu haben, bis es zur Explosion kommt, und der Mann mit neuen Wirklichkeiten konfrontiert wird. Was, wenn nun er nicht mehr davonlaufen kann? Weder vor den Informationen über ihn noch vor den sexuellen Forderungen der jungen Frau. Sie können sich doch bestimmt einigen. Was aber, wenn nicht?

Regie: Esther Muschol
Bühne, Kostüm: Ágnes Hamvas
Musik: Rupert Derschmidt
Assistenz: Carmen Jelovcan
Es spielen: Christoph Kail, Maria Strauss

Rechte Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH Berlin

Hörbeispiel

Wir nehmen mit unserer Eigenproduktion Grooming an der Europäischen Theaternacht teil.

"Pay as you wish/can" am 18.11.2017, das heißt, jede*r Besucher*in bezahlt, soviel sie/er ausgeben kann und möchte.

http://www.europaeische-theaternacht.at/web/



 

Paco Bezerra

 

Paco Bezerra über Grooming

Henry Havelock Ellis, geboren 1859, war ein britischer Sexualforscher. In seiner Autobiografie My Life erzählt er, dass seine Freunde sich oft über ihn lustig machten: Absurderweise galt er nicht nur als Sexualexperte, er war auch impotent. Allerdings nur bis zu seinem 60. Lebensjahr, als er herausfand, dass er eine Erektion bekam, wenn er einer Frau beim Urinieren zusah. Ellis nannte dieses sexuelle Interesse am Prozess des Urinierens Undinismus. Heutzutage heißt es Urolagnie und bezieht sich auf Personen, die nur Lust empfinden, wenn sie jemanden pinkeln sehen.

Nach der modernen Medizin wäre Henry Havelock Ellis wohl paraphil: eine Person, die nur durch etwas ganz Bestimmtes Lust empfindet. Es gibt über 100 verschiedene Paraphilien und laut DSM-5-Leitfaden, den die American Psychiatric Association herausgibt, handelt es sich um eine psychische Störung. Auch die Homosexualität stand seinerzeit auf dieser Liste (Personen, die nur mit gleichgeschlechtlichen Partnern Lust empfinden), bis es gelang, sie herauszuholen. Das heißt: Homosexualität war früher eine Krankheit und jetzt nicht mehr.

Ich kenne viele Menschen, die sich sexuell nur von dicken Menschen angezogen fühlen. Alle unter 100 Kilo finden sie ekelhaft, vor allem, wenn sie Bauchmuskeln haben. Und ich kenne auch viele Menschen, die Übergewichtige überhaupt nicht anziehend finden. Ich kenne viele Menschen, die sexuelle Lust ausschließlich für Menschen anderer Ethnien empfinden, und ich kenne Menschen, die nichts mögen, was ihnen nicht gleicht. Ich kenne Leute, die an die Füße des Objekts ihrer Begierde denken müssen, um Lust zu empfinden und ich kenne auch viele andere, denen es genauso geht – nur mit den Zähnen, den Rippen, der Körperbehaarung oder mit Menschen, die doppelt oder dreimal so alt sind wie sie.

Womit sich die Frage stellt: Was wissen wir wirklich über den Menschen? Haben Paraphile wirklich eine krankhafte Sexualität oder schlichtweg wenig verbreitete Interessen? Will die Gesellschaft unser Sexualleben kontrollieren? Ist also normal, was geläufig ist? Oder ist das Geläufige vielleicht weder so geläufig noch so normal, wie wir denken? Wer verfügt über empirische Daten, die wissenschaftlich belegen, was ein gesundes und was ein pathologisches Sexualverhalten ist? Wovon hängt das ab? Von der Anzahl der Individuen, die „darunter leiden“? Psychische Krankheiten oder Verhaltensweisen einer Minderheit, die in dem Maße von der Gesellschaft akzeptiert werden, wie die Mehrheit sie sich zu eigen macht? Was ist die Norm? Die sexuelle Norm, meine ich. Die der Mehrheit? Und wer legt sie fest? Auch die Mehrheit? Heißt das, wer nicht ist wie die Mehrheit, ist krank? Was ist dann Pornographie? Oder besser gesagt: Wie viele Arten von Pornographie gibt es? Liegt die Pornographie in dem, was gezeigt wird oder im Auge des Betrachters? Und was ist mit dem letzten Tabu: der Sexualität Minderjähriger? So viele Fragen und so wenig Antworten. Perfekt! Besser geht es nicht!

Der chilenische Dramatiker und Psychiater Marc Antonio de La Parra sagt: “Sobald man zu etwas eine feste Meinung hat, kann man kaum noch [Theater] schreiben. Reportagen, einen Essay, einen Zeitungsartikel ja. Aber kein Theater. Man träumt nicht von dem, was man weiß, sondern von dem, was man begehrt und/oder fürchtet. Theater ist Forschungsarbeit über das, was man nicht weiß oder nicht sagt. [...] Man kann nur über Dinge schreiben, die man bezweifelt.”

© Paco Bezerra
aus dem Spanischen von Franziska Muche

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