| |
ZUHAUSE
von INGRID LAUSUND
Theater Drachengasse
15. März – 20. April 2010, Di-Sa um 20 Uhr
|
|
Petra Strasser, Foto: Andreas Friess
|
ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG EIGENPRODUKTION THEATER DRACHENGASSE
Warum soll ich mir nicht mein Zielgruppensofa kaufen? Weil es demütigend ist. Weil es meine Individualität verspottet. Weil es mich einsortiert. Weil es aus mir ein Pünktchen macht.
Tragikomische Geschichten über Zeitgenossen und ihre Einrichtungsversuche. Mint und Hellblau gegen ein bedrohliches Außen, Gemütlichkeitsrituale gegen Panikattacken. Wackelige Lebensfundamente und sanierungsbedürftige Innenräume. Emotionale Rohrbrüche vorprogrammiert ...
Geschrieben von Ingrid Lausund, die mit ihrer Komödie Bandscheibenvorfall schon einmal das Drachengasse-Publikum begeisterte.
Achtung: Ingrid Lausund wird BIN NEBENAN MONOLOGE FÜR ZUHAUSE am 18. und 19. April 2010 um 20 Uhr in einer Leseperformance präsentieren.
|
|
M. Pallua, C. Matzka, Foto: Andreas Friess
|
|
Regie:
|
Christine Wipplinger
|
|
Ausstattung:
|
Andrea Bernd
|
|
Rechte bei:
|
henschel SCHAUSPIEL Theaterverlag Berlin
|
|
Es spielen:
|
Clemens Matzka Monika Pallua Petra Strasser
|
INGRID LAUSUND
BIN NEBENAN – MONOLOGE FÜR ZUHAUSE
Zuhause ist es doch am schönsten
In der Auswahl der Möbel spiegelt sich die Persönlichkeit eines Menschen wider. In "Zuhause" widmet sich Ingrid Lausund diesem ganz intimen Lebensbereich auf ungemein amüsante Weise. Die Texte stammen aus ihrem Buch "Bin nebenan – Monologe für zuhause" und wurden von Christine Wipplinger gekonnt auf die Bühne des Theater Drachengasse gehievt. In kleinen, tragikomischen Episoden rund um ein Sofa, das Badezimmer, eine Teekanne oder einen Esstisch wird geliebt, gelebt und gelitten.
Clemens Matzka (ulkig-possenhaft) versucht auszubrechen. Zuerst aus dem Dasein als vorhersagbarer Zielgruppendurchschnitt und dann aus dem langweiligen Ehetrott. Monika Pallua (herrlich schrullig) will partout nicht aus ihrer wohlig-warm eingerichteten Altbauwohnung ausziehen, obwohl in ihrer Beziehung schon längst eisige Zeiten herrschen. Petra Strasser (drollig paranoid) mimt zuerst die krampfhaft politisch Korrekte, die eine Deutsch-Türkin als Haushaltshilfe einstellt, und dann eine Badende mit schlechtem Wohlstandsgewissen und Wahnvorstellungen.
"Zuhause" ist ein witzig-spritziges Stück Gegenwart, das durchaus auch nachdenkliche Momente hat. Wiener Zeitung, 18.03.2010
|
Schöner Wohnen in der Drachengasse
Der moderne Mensch und sein einsames Glück mit den Konsumgütern seiner Wahl: So könnte man die Klammer der Monologe beschreiben, aus denen Ingrid Lausunds „Zuhause“ besteht. Die Szenen reichen von plakativ á la „Selbstkritische Standard-Leserin möchte sich mit ihrer türkischen Putzfrau befreunden und scheitert an deren Kopftuch“ bis zu einer rasend komischen Version von „Ehemann allein zu Hause“. Clemens Matzka erntet in dieser Rolle – wie auch als renitenter, von Marktforschung als Zielgruppendurchschnitt erwählter Kunde eines Möbelhauses – die meisten Lacher. Aber auch Monika Pallua und Petra Strasser haben in Christine Wipplingers Inszenierung ihren Anteil an der Erschaffung von zeitgeistigen Charakteren in schwankenden Eigenheimidyllen mit blauer Blätter- und rot-grüner Rosentapete. Wenn die Traumoase im „Palazzo“-Badezimmer von hungernden Afrikanern bevölkert wird, ist es aber plötzlich nimmer lustig – und überhaupt weiß man nicht so ganz, wo die Reise eigentlich hingehen sollte. Falter, 24.3.2010
|
Drachengasse huldigt mit "Zuhause" humorvoll dem Interieur-Fetischismus.
Ein Bobo-Kunde, der sich rebellisch gegen die Marktforschung seiner Zielgruppe Marke "Leander" zur Wehr setzt, eine junge Frau, die zwecks Alternativlosigkeit ihre Liebe in den neu eingerichteten Zimmern zu finden meint, eine liberal wirkende Dame, die sich am Kopftuch ihrer neuen Putzfrau bis zur Selbstverleugnung multikulturell abarbeitet: Ingrid Lausunds neues Stück "Zuhause", welches seit Montag in der Drachengasse zu sehen ist, meditiert gekonnt über die seltsame Welt der eigenen vier Wände. Unterstützt wird das fast zweistündige Stück mit seinen fünf Einzelszenen durch eine sehr gute schauspielerischen Leistung von Clemens Matzka, Monika Pallua und Petra Strasser. Regie führt Christine Wipplinger, das Bühnenbild stammt von Andrea Bernd.
Es ist nicht leicht, über sein Mobiliar heutzutage noch "normal" zu sprechen, geschweige denn dramaturgisch zu schreiben. Zu sehr haben sich in der Zwischenzeit Marketing-Sprech und Gefühls-PR zwischen Tisch, Tapete, Vorhänge, Küche und Sofa gedrängt. Wenn in der Fernsehwerbung Kunden mit Sesseln am Strand schmusen oder vor dem neuen Sofa demütig knien, dann ist das Interieur längst zum Fetisch geworden. Lausund konterkariert gekonnt die "spannende", "heimelige", "exotische" Sprachtapete der Kataloge und des "House Party"-Small-Talks, die längst Besitz über den Wortschatz des Einzelnen ergriffen hat. Das sich über den Abend stückweise entblätternde Tapeten-Interieur der Bühne unterstreicht noch einmal die innewohnende Enge der bunt geblümten Einrichtungswelt. Die prekären Lebensverhältnisse von Migranten treten via Putzfrau in diese durchdachten Lebensinszenierungen ein oder schaffen sich surreal als afrikanische Flüchtlinge Platz im Wellness-Badezimmer. Mag sein, dass dieses Verrechnen von privater Neurosen-Einrichtung und Flüchtlingsdrama letztendlich ein bisschen zu viel ist, an der gelungenen, wie humorvollen Befragung Lausands von "Leander"-Sofa, "Knut"-Küchen und genüsslicher Badeperlen-Enthemmung ändert dies nichts. Der Wiedererkennungseffekt dürfte jedenfalls hoch sein, das Publikum dankte mit lang anhaltendem Applaus.
Am 18. und 19. April ist die Autorin Ingrid Lausund zu Gast in der Drachengasse mit der Lese-Performance "Bin nebenan - Monologe für Zuhause" (Beginn: jeweils 20.00 Uhr). Rathauskorrespondenz, 16.03.2010
|
ZUHAUSE von Ingrid Lausund Premiere: 15. März 2010, besucht wurde die Vorstellung am 13. April 2010
„Zuhause“ – was ist das? Will man der Werbung glauben, dann ist es „Schöner Wohnen“ (am Ende auch IKEA…), dann ist es der „individuelle Rahmen des Wohlfühlens“, das private Glücks-Refugium, und was der Sprüche mehr sind, die von Yuppies gläubig nachgebetet und in das Spiel des täglichen Prestigekampes geworfen werden. Die deutsche Autorin Ingrid Lausund, die in der Drachengasse schon mit ihrer Komödie „Bandscheibenvorfall“ in hohem Maße reüssierte, stellt sich nun mit „Zuhause“ neuerdings als schlechtweg brillante satirische Beobachterin unseres Alltagsverhaltens ein. „Zuhause“ besteht im wesentlichen aus fünf Monologen und einem Nachspiel, in dem eine Hausherrin und das sie besuchende Paar Dinge nur in Zahlen benennen – eine überzeugende Metapher dafür, dass in unserer Gesellschaft vordringlich interessant ist, was die Dinge kosten. Facetten von „Wohnen“ und „Leben“ werden im übrigen sinnvollerweise damit in Verbindung gebracht, dass man es lästigerweise auch mit Menschen zu tun hat. Da kann sich eine Hausfrau mit den allerschönsten Details ihrer Wohnung kaum mehr trösten, wenn die Ehe darin längst zu einem Einander-aus-dem-Weg gehen eingefroren ist. Dennoch zeigt die Autorin hier und in der Szene, in der sich eine Dame im eigenen Wellness-Pool aalt, wie sehr die Beschönigungen und Lebenslügen zum Alltag gehören: Wenn sich in die eigenen erotischen Phantasien über schöne, wohl gebaute schwarze Männer die afrikanische Realität einschleicht, ist das allerdings sehr lästig…
Zwei Männer-Monologe: Die Wut des „Zielgruppen“-Käufers, der erkennt, wie sehr ihn die Wirtschaft manipuliert und der doch nicht aus ihren Fängen herauskann. Und, noch ergötzlicher, wie das „Zuhause“ für den Mann erst richtig gemütlich wird, wenn die Frau abreist und er, endlich allein, einmal die Sau herauslassen kann… Das stärkste Stück sind aber die Überlegungen der selbst ernannten „Gutmenschin“, die um jeden Preis politisch korrekt handeln will und sich in selbstgefälliger, pseudointellektueller und dabei törichter Verbrüderung mit der türkischen Putzfrau ergeht, um schließlich doch in die Falle aller Vorurteile zu tappen. Hier und in allen anderen Szenen zeigt Ingrid Lausund, wie sie Erkenntnisse über Verhaltensweisen ungemein plastisch, transparent und dabei komisch machen kann, gleichzeitig gnadenlos unseren „Zeitgeist“ hier und heute auf die Schaufel nehmend. Der Abend in der Drachengasse ist in der präzisen und intelligenten Inszenierung von Christine Wipplinger ein Meisterstück an infernalischem Witz. Clemens Matzka gibt den Männern der Aufführung ihr komisches Aufbegehren, Monika Pallua strampelt in ihren Lebenslügen, und Petra Strassers betuliche und zugleich grimmige Bemühungen um den interkulturellen Austausch sind preiswürdig. Es hat sich herumgesprochen, dass die Drachengasse hier einen besonderen Abend zu bieten hat, er war noch einen Monat nach der Premiere ausverkauft, und das sollte wohl noch für die letzten Vorstellungen so bleiben. Rasch noch Karten sichern! Renate Wagner
|
|