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FRITZ LANG - DIE ENTSCHEIDUNG
EIN MONOLOG VON UND MIT STEPHAN BRUCKMEIER NACH DEM ROMAN ICH WERDE SIE JAGEN BIS ANS ENDE DER WELT VON AGNÈS MICHAUX

Bar&Co
8. - 20. März 2010, Di-Sa um 20 Uhr

 
Foto: Cordula Treml
Foto: Cordula Treml
ÖSTERREICHISCHE ERSTAUFFÜHRUNG

EINE KOPRODUKTION VON THEATER DRACHENGASSE WIEN, THEATER RAMPE STUTTGART, ÖSTERREICHISCHES KULTURFORUM PARIS, MAISON HEINRICH HEINE PARIS UND BAYER-KULTUR LEVERKUSEN




In ihrem Roman Ich werde sie jagen bis ans Ende der Welt beschreibt Agnès Michaux die letzten Stunden, die der Filmregisseur Fritz Lang vor seinem Aufbruch ins Exil in Berlin verlebt. Joseph Goebbels, der Lang eine Schlüsselposition im deutschen Film anbietet, steht dabei im Zentrum des Romans. Lang verlässt Deutschland im Jahre 1933 und hält sich zunächst einige Monate in Paris auf, bevor er in die USA emigriert. Die Autorin vermittelt die inneren Konflikte und die Zerrissenheit des Regisseurs, indem sie Ereignisse mehrerer Monate auf wenige Stunden verdichtet.



Herzlichen Dank an Martin Hellstern (CineStar Lugano) für die Filmrechte an den Sequenzen aus Das Testament des Dr. Mabuse.

Die Uraufführung fand am 19. November 2009 in der Maison Heinrich Heine, Cité Universitaire Paris, in französischer Sprache statt.
Die Aufführungen in Wien (ÖEA 8. März 2010 Bar&Co Theater Drachengasse) und in Deutschland (DEA 18. April 2010 Theater Leverkusen sowie 1. – 5. Juni 2010 theater rampe stuttgart) finden in deutscher Sprache statt.


Foto: Cordula Treml
Foto: Cordula Treml
Musik:     Gilbert Handler
Video:     Böller und Brot
Produktion:     Cordula Treml
Konzeption:     Stephan Bruckmeier
Stimme Goebbels:     Philipp Alfons Heitmann
Künstlerische Mitarbeit:     Petra Weimer
Lichtdesign:     Ingo Jooß
Es spielt:     Stephan Bruckmeier

 

FRITZ LANG

AGNÈS MICHAUX

STEPHAN BRUCKMEIER ZU FRITZ LANG – DIE ENTSCHEIDUNG

INTERVIEW MIT ALEXANDER KLUGE

INTERVIEW MIT MICHEL PICCOLI

http://www.bruckmeier.info

 

FRITZ LANG - DIE ENTSCHEIDUNG
Ein Monolog von und mit Stephan Bruckmeier nach dem Roman "Ich werde sie
jagen bis ans Ende der Welt" von Agnès Michaux

Österreichische Erstaufführung


In der Filmgeschichte ist Fritz Lang einer von vielen Bedeutenden - sie
wurden in Wien geboren, machten in Berlin Karriere beim Film, fanden sich
als Emigranten in Hollywood wieder. Billy Wilder, Fred Zinnemann, Otto
Preminger - und Fritz Lang. Sein Fall lag allerdings etwas anders als jene
der Kollegen. Angeblich (nach seiner eigenen Aussage) hätte Goebbels ihm,
den Regisseur der Meisterwerke "Die Nibelungen" und "Metropolis", eine
führende Stellung im deutschen Filmschaffen des Nationalsozialismus
versprochen und die jüdische Mutter unter den Tisch fallen lassen (getreu
nach Karl Luegers Motto: "Wer ein Jude ist, bestimme ich.") Lang hätte es
sich also "richten" und eine glanzvolle Karriere weiterführen können. Statt
dessen ließ er alles hinter sich zurück und ging ins Ungewisse...

Die französische Autorin Agnès Michaux, bekennende Verehrerin aller
Fritz-Lang-Filme seit ihrer Jugend, widmete dem Regisseur ihren Roman "Ich
werde sie jagen bis ans Ende der Welt". Darin schildert sie, was sich in
Fritz Langs Kopf in jenen letzten Stunden abspielt, die er vor seiner Flucht
noch in Berlin verbringt. Stephan Bruckmeier, der Wien als Regisseur und
Theatermacher leider verloren gegangen ist, hat diesen Roman als Monolog
dramatisiert und sich selbst damit auf die Bühne gestellt. Allerdings mit
dem Verfremdungseffekt, dass der Mann im weißen Anzug und mit der schwarzen
Augenbinde, ganz die glamouröse Eleganz der zwanziger und dreißiger Jahre
verkörpernd, zwar Fritz Lang ist, von diesem aber in dritter Person spricht.


Man begegnet einem Künstler, der sich - eitel und selbstbewusst - in seinem
Ruhm sehr wohl fühlt. Der mit Gattin Thea von Harbou, Schauspielerin und
Autorin, ein künstlerisch und gesellschaftlich unschlagbares Gespann abgibt
(wenn auch privat nicht sehr glücklich und ideologisch auf verschiedenen
Seiten - sie wurde eine hingerissene Nationalsozialistin). Dem es weder an
Arbeitsmöglichkeiten noch an Anerkennung noch an Geld noch an einer
Kunstsammlung fehlt. Bruckmeier bietet in dieser Selbstbespiegelung Lang
keineswegs als gänzlich sympathische Figur dar.

Man weiß bis heute nicht - Agnès Michaux ist das völlig klar, es wird auch
im Programmheft ausführlich behandelt -, wie das Gespräch mit Goebbels
tatsächlich verlaufen ist, das Lang dazu brachte, lieber mit nichts in die
Emigration zu gehen, statt in Deutschland Propagandafilme zu drehen. Er hat
diesen Schritt auch oft genug zweifellos beschönigend dargestellt. So kommt
die "Gewissensfrage", ob man sich einem verbrecherischen Regime zur
Verfügung stellt, nicht so präzise zum Ausdruck - eigentlich tobt da nur ein
selbstherrlicher Regisseur darüber, dass ein Herr Goebbels sich einbildet,
ihm bei seiner Arbeit dreinreden zu wollen. Dennoch, das Ende des Monologs
ist ergreifend, wenn Lang sich seiner eleganten weißen Kluft entledigt und
nur noch in der Unterhose dasteht, französisch sprechend um Aufnahme in das
andere Land bittend, sein Leben hinter sich lassend, weil er sich für dieses
Deutschland geniert...

Knapp eineinhalb Stunden in der Drachengasse, wobei Stephan Bruckmeier für
seine spannende Leistung sehr viel Unterstützung von dem zeitgenössischen
Videomaterial erhält, das im Hintergrund läuft (von Böller und Brot zusammen
gestellt) - Dokumentarisches Material von damals, Sequenzen aus Langs
Filmen, eine zusätzlich starke, atmosphärische Verdichtung des Abends.

Renate Wagner, 8. März 2010, Premiere

Die französische Journalistin und Autorin Agnès Michaux beschreibt in ihrem Roman "Ich werde sie jagen bis ans Ende der Welt" die letzten Stunden, die der große Filmregisseur Fritz Lang in Berlin verlebt. Kurz vor seinem Aufbruch ins Exil stellt Lang die quälende Gewissenfrage: Soll er sein Land und sein bisheriges Leben zurücklassen, oder mit den nationalsozialistischen Machthabern kollaborieren?

Theatermacher Stephan Bruckmeier hat Agnès Michauxs Roman für die Bühne entdeckt und als Monolog inszeniert. Im November 2009 wurde "Fritz Lang - Die Entscheidung" im Pariser Maison Heinrich Heine uraufgeführt. Montagabend fand die Österreichpremiere im Theater Drachengasse statt.

Der Weg ins Exil
Man schreibt den 31. März 1933. Fritz Lang ist im Pariser Exil angekommen und erinnert sich an seinen letzten Tag in Deutschland. Er ist der berühmteste deutsche Filmregisseur seiner Zeit und steht an diesem Tag vor einer großen Entscheidung. Soll er, der Großbürger, der in der deutschen Sprache und Kultur tief verwurzelt ist, sein Land, seinen Besitz und seine Erfolge hinter sich lassen?

In Ihrem Roman verdichtet die französische Autorin Agnès Michaux die historischen Ereignisse mehrerer Monate auf einen Tag. Regisseur und Schauspieler Stephan Bruckmeier folgt in seiner Theateradaption dieser Romanvorlage und verkörpert die Figur eines Zerrissenen. Es ist nicht allein die Regielegende Fritz Lang, die Bruckmeier auf die Bühne bringt, sondern das Schicksal eines Mannes, der zum Spielball der Geschichte wird. Ein Lehrstück über die Ethik der richtigen Entscheidung, sagt Stephan Bruckmeier.

Zweites Element "Dr. Mabuse"
Der Theatermonolog folgt dem Bewusstseinsstrom der Figur Fritz Lang. Erinnerungen, Gedanken und Assoziationen tauchen auf und verflüssigen sich wieder. Bindeglied dieser Erinnerungsarbeit ist die nationalsozialistische Heimsuchung. Sie bleibt als Folie immer präsent und ist visuell als Projektion von Fritz Langs Spielfilm "Das Testament des Dr. Mabuse" sichtbar. Die Bühne und der Körper des Schauspielers werden zur Projektionsfläche. Die unheimliche Bilderwelt aus dem "Testament des Dr. Mabuse" zum Menetekel.

Es ist kein Zufall, dass gerade "Das Testament des Dr. Mabuse" dazu dient, eine zweite Ebene des Bühnengeschehens aufzumachen. Schließlich erzählt der Film von der verbrecherischen Suggestionskraft eines Wahnsinnigen. Ähnlichkeiten mit Politiker der Zeit sind kein Zufall. Das ist auch den Nazis nicht entgangen. "Das Testament des Dr. Mabuse" wird 1933 verboten. Daraufhin denkt Fritz Lang zum ersten Mal darüber nach, ins Exil zu gehen. An dieser Stelle hakt Agnès Michauxs Roman ein und an dieser Stelle beginnt auch das theatrale Geschehen in Stephan Bruckmeiers Adaption. Mit Bruckmeiers Theaterfassung ist die Autorin Agnès Michaux, die zur Premiere in Wien aus Paris angereist ist, sehr zufrieden.

Die nationalsozialistische Heimsuchung
"Fritz Lang -– Die Entscheidung" vermittelt die Entfremdung des Migranten. Das Stück präsentiert eine Bühnenfigur, die über sich selbst in der dritten Person spricht, die bereits im Exil ist, deren Gedanke aber immer noch um Ereignisse in der zurückgelassen Heimat kreisen.

Erst in der letzten Szene ist die Figur in der Gegenwart angekommen und nimmt das Wort "Ich" in den Mund. Nackt bis auf die Unterwäsche steht Akteur Stephan Bruckmeier auf der Bühne. Den letzten Teil seines Monologs spricht er auf Französisch. Es ist die Sprache des Exils, in der man sich fremd fühlt. Nach gut eineinhalb Stunden Spielzeit belohnt das Publikum Schauspieler und Regisseur Stephan Bruckmeier, der den Abend ganz alleine bestritten hat, mit freundlichem Applaus.
Ö1 Kulturjournal, 9.3.2010, 11:59