Theater Drachengasse  Bar&Co
AKTUELLE PRODUKTIONEN


Die großen Kinder unsrer Zeit
Jurypreis des Nachwuchswettbewerbs 2016
Uraufführung
Eine Koproduktion mit Theater Drachengasse

Bar&Co
23., 24., 26., 27. Jänner und 30. Jänner - 4. Februar 2017 um 20 Uhr

 

Foto: Elisabeth Anna Brucker

 
Foto: Elisabeth Anna Brucker  

















 



Jimmy, Joe, Bente und Rose versuchen, ihr Unbehagen los zu werden. Irgendetwas hindert sie, gelassen zu sein. Irgendetwas geht vor in den Köpfen der kleinen Familie, das sie dazu bringt, Strategien zu entwickeln, um im Getöse, das sie umgibt, halbwegs unbeschadet klarzukommen. Aber Moment mal – Jimmy! / Ja? Ah hallo! / Hallo! Was machst du da? / Nichts, ich hab noch meinen Text gesagt / Du kannst nicht einfach noch deinen Text sagen  / Kann ich nicht? Wieso? / Ja stell dir vor, wenn ihn jemand hört?! / Aber / Nichts aber, was ist, wenn ihn jemand glaubt? / Aber / Es glaubt immer irgendwer etwas von dem, was gesagt wird  / Ja? / Ja! / Oh Scheiße, tut mir leid, das hab ich nicht gewusst  / Pff, das hab ich nicht gewusst ... Und jetzt? Was machen wir jetzt? / Das weiß ich nicht  / Toll Jimmy. Du bist so dumm /

Inszenierung über Familienstruktur, Rechtsruck, Nahrung, Stillleben, Antike.




Inszenierung: Franz-Xaver Mayr, Korbinian Schmidt
Dramaturgie: Moritz von Schurer
Regieassistenz: Sarah Maringer
Kostümassistenz: Verena Geier
Stimme: Linde Prelog
Video: Nela Pichl
Maske:
Anna Gawrilow
Es spielen: Nehle Breer, Silvan Frick, Reinhold G. Moritz, Karola Niederhuber


Das Projekt wird gefördert durch die Kulturabteilung des Magistrats der Stadt Wien.

Herzlichen Dank an SUPERAMAS und an Sarah Maringer


  Foto: Elisabeth Anna Brucker
  Foto: Elisabeth Anna Brucker

 

 

Zwischen griechischem Chor und Joghurt

„Die großen Kinder unsrer Zeit“: Skurrile, köstlich amüsante Theaterstunde in der Drachengasse

Schwarz die Bühne, schwarz-weiß gekleidet die vier Schauspieler_innen, die als Art griechischer Chor beginnen, um sich gleich einmal vorweg zu entschuldigen, dass sie nichts bieten können. Außer zuzutexten. Um ihr Überleben sprechen sozusagen. Reden und reden und reden – über die Verbesserung der Welt, notwendiges Coaching für alles, übers Schauspielen und das Erlernen dieses Hand-, Mund-, Kunstwerks selbst... Unter anderem wird die Frage verhandelt, ob eine sehr junge Schauspielerin, die noch nie eine lebensbedrohende Situation erlebt hat, das Klagelied der Antigone auch nur annähernd rüberbringen könnte.

Praktisch immer pendeln die vier Protagonist_innen zwischen grundsätzlicher Kritik an (fast) allem und jedem, nicht zuletzt an Medien und ihrem Umgang mit der Realität. Und und Selbstironie – mit viel Wort- und ebenso viel Spielwitz – und manchmal mit der Frage nach dem Sinn dessen, was sie hier gerade auf der Bühne tun. Dia- und Monologe, teils fast dadaistisch, wechseln sich mit choralen Szenen ab. Hin und wieder wird der Redefluss durch Musik gebrochen – und als es „auf in die Bar“ geht, verschwinden die vier Darsteller_innen von der Bühne, um gleich darauf hinter dem Publikum bei der tatsächlichen Bar aufzutauchen und nun eine Szene von dort aus zu spielen.

Zurück auf der Bühne folgt eine Szene in Tiermasken und später voller körperlicher Einsatz, indem sich alle vier griechisches Joghurt über Kopf und Körper leeren und schmieren, um danach auf der Bühne komplett im Regen zu stehen.

kurier.at, 25.1.2017

Der Kuss

Im Theater Drachengasse zeigen junge Theatermacher, was geht

Franz-Xaver Mayr und Korbinian Schmidt hatten viel zu tun in Wien in letzter Zeit. Während der eine seine Uraufführung am Schauspielhaus vorbereitet ("diese mauer fasst sich selbst zusammen und der stern hat gesprochen, der stern hat auch was gesagt" von Miroslava Svolokova), entwarf der andere Bühne und Kostüm für eine Produktion im Vestibül ("Oberösterreich" von Franz Xaver Kroetz). Weil die beiden aber auch als Inszenierungs-Team zusammenarbeiten und als solches den Jurypreis des Nachwuchswettbewerbs 2016 im Theater Drachengasse gewonnen hatten, war diese Woche gleich noch einmal Premiere: "Die großen Kinder dieser Zeit".

Diese großen Kinder heißen:

Jimmy, Joe, Bente und Rose, stehen miteinander in einem Familienverhältnis und bringen sich gegenseitig das Küssen bei. Und diese großen Kinder reden: Über Identität, Kultur, Party und Meta-Theater. Tanzen vor dem Hintergrund blendender Lichter. Fragen sich: "Was war denn das?" Und antworten: "Das muss der Neoliberalismus gewesen sein." Reden aber vor allem über das Reden.

Sprachklangarrangements

Nehle Breer, Silvan Frick, Reinhold G. Moritz und Karola Niederhuber produzieren exakt, gewitzte Klangarrangements. Sie lassen die Sprache klingen und Bedeutung als Verzierung eines Rhythmus dennoch knallen. Außerdem: Nebel, Regen und Tiermasken. Mayr und Schmidt haben ihr chorisches Bildertheater perfekt in die Architektur der Bar eingepasst. Alles sitzt! Und ist bis 4. Februar zu sehen.

Wiener Zeitung, 26.1.2017

Irgendetwas an dem Konzept stimmt nicht!

Die großen Kinder unserer Zeit treten an, im Theater in der Drachengasse das Publikum zu unterhalten.

Zu viert stehen sie auf der Bühne, schwarz gewandet. Sehen grimmigen Blicks ins Publikum und beginnen plötzlich, als ob sie ein antiker Chor wären, zu rezitieren.

Sie, das sind Vater, Mutter, Tochter und Sohn im Stück „Die großen Kinder unserer Zeit“, das von Franz-Xaver Mayr und Korbinian Schmidt im Theater in der Drachengasse in Szene gesetzt wurde. Christiane Rochefort veröffentlichte 1961 ihren Roman „Kinder unserer Zeit“, in welcher die 11-jährige Hauptprotagonistin nicht zufälligerweise denselben Namen trägt wie die Tochter im Bühnenstück.

Humorige Sprachgewalt und eine witzige spritzige Regie

Ein Stück, in dem sich eine furiose bis humorige Sprachgewalt und eine witzige und spritzige Regie die Waage halten. Der Plot ist nicht schnell erklärt, denn eigentlich dient die abstruse Familiengeschichte vielmehr dazu, sich mit dem Phänomen der sprachlichen Kommunikation, den Wirrnissen unserer vermeintlich aus den Ufern geratenen Gesellschaft und den Mitteln des Theaters auseinanderzusetzen.

Da zählt es nicht wirklich viel, dass der jüngste Spross, Joe (Silvan Frick), als Dreizehnjähriger seine ersten Kusserfahrungen innerhalb der Familie machen muss. Eine Familie, die, von der Mutter pathologisch abgeschirmt und vom Draußen behütet, wie ein Raumschiff in den Wirren der Jetztzeit herumschwirrt. Eine Familie, die gemeinsam in die Disco geht, in der Joe versucht, soziale, weibliche Kontakte zu knüpfen. Eine Familie, die sich willigst fremdsteuern lässt.

Gezeigt wird das in jenen Szenen, in welchen die Mutter, Karola Niederhuber, Regieanweisungen von einem imaginären Handy ohne weitere Fragen oder Aufmucken entgegennimmt und dadurch dem Geschehen auf der Bühne jeweils einen neuen Dreh verpasst. Jimmy, die ältere Schwester von Joe, übt sich hingegen im Schauspielhandwerk und versucht immer wieder, die Rolle der Antigone einzustudieren. Ganz entgegen den elterlich ausgesprochenen Bedenken, dass man in einer Zeit wie dieser, doch keine alten Schinken mehr spielen könne.

Wer sich oder das Theater ernst nimmt, ist hier fehl am Platze

Neben all den Familienverirrungen lebt das Stück von reichlich klugem Sprachhumor. Beispiel gefällig? Nach einer wilden Discoszene und der Frage, was das denn jetzt gewesen sei, antwortet der Vater (Reinhold G. Moritz): „Das muss der Neoliberalismus gewesen sein. Wir sind total fertig und haben fast nix verdient!“ Oder: „Man hat vor lauter Sprechen keine Zeit mehr nachzudenken, was man sagt.“ Aber nicht nur der Kapitalismus bekommt sein Fett ab. Unter das Brennglas genommen wird der Wildwuchs der Sterneküche mit seinen abstrusen Speisekarten genauso wie aberwitzige Bühneninszenierungen. Das beginnt damit, dass die Truppe einen dadaistischen Auftritt in Tierkostümen absolviert, sich später am Bühnenrand bis auf die Unterwäsche auszieht, um sich anschließend jeweils selbst mit weißem Joghurt zu besudeln und unter einem feinen Sprühnebel ins Finale zu schlittern.

„Irgendetwas an dem Konzept stimmt nicht!“, ist zu fortgeschrittener Spieldauer zu hören, an welcher das Geschehen bereits völlig außer Rand und Band geraten ist. Zu einem Zeitpunkt, an dem klar geworden ist, dass alle Beteiligten inklusive ihrer Überväter Mayr und Schmidt eines ganz bestimmt nicht tun: Das Theater und das Spiel auf der Bühne ernst nehmen. Dass das Publikum das auch nicht tun braucht und dennoch jede Menge von dem mitbekommt, was den Zauber eines Theaterabends ausmacht, ist der große Verdienst dieser Produktion.

„Die großen Kinder unserer Zeit“ erhielt 2016 den Jurypreis des Nachwuchswettbewerbes und steckt so voller Ideen und Anregungen, dass ein Abend alleine nicht reicht, um ihn in seinen Tiefen und Untiefen wirklich ausloten zu können. Verbeugung auch an das Ensemble!

european-cultural-news, 26.1.2017

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