ZUHAUSE

BIN NEBENAN – MONOLOGE FÜR ZUHAUSE VON INGRID LAUSUND Zwölf tragikomische Monologe über skurrile, vereinsamte und verunsicherte Zeitgenossen, die in ihren kleinen Paralleluniversen Überlebenskämpfe mit sich und ihrer unmittelbaren Umgebung austragen. Textbeispiele: SOFA Zwei Meter hinter mir laufen extrem unauffällig die beiden Marktforscher. Die sind so unauffällig wie Geheimagenten in Filmen aus den Siebzigern, fehlt nur noch, dass die einen Trenchcoat tragen. Bloß nicht umdrehn, genau auf mich haben die gewartet, denn von der Kundenzielgruppe, zu der ich gehöre, bin ich der Typischste. Siebentausend Kundenprofile übereinandergelegt: kommt mein Gesicht bei raus. Ich bin der ZielgruppenLeander. Ich bin der perfekte Zielgruppendurchschnitt. Der Durchschnittsmittelpunkt. Ich habe ein gehobenes Einkommen, mache dreimal in der Woche Fitness, und ich bin Individualist, was für meine Zielgruppe typisch ist. BADEZIMMER Ich nehme eine von den Gute-Laune-Badekugeln, die sind wirklich lustig, jede schäumt in einer anderen Farbe, ich entscheide mich für eine weiße, für "Spirit of divinity". Ich bin bei mir, in meiner Mitte und die Badezimmerdecke ist auch gut geworden, ganz in Hellblau, so wie ein altes Fresko, so ein himmelblaues –, himmel-, ja eben so eine Himmelassoziation, so Richtung Michelangelo – vielleicht kleb ich noch ein Wölkchen dran. Das Wasser strömt, Gedanken fließen, Fluss des Lebens, Lebenselement, verbunden mit dem Quell des Lebens, klare Quelle, Reinigung und Nymphe, Quelle, Nymphe, nackt sein, Nymphe, praller Busen, heiße Schenkel, wo geht das auf einmal hin? Gut, da geh ich ganz entspannt mit um, warum auch nicht, sich auch mal selbst was Gutes tun; ich genieße meine Weiblichkeit. ESSTISCH Ich bin so gerne in der Küche. Steinboden, ein Terrazzo und sehr alt, mit eingelegten Blumenmustern, so liebevoll gemacht, so schön. Da steht auch Thymian und Koriander. Schnittlauch, Petersilie, Rosmarin und Melisse, Minze – wow – ich habe einen Kräutergarten und so ein erdverbundenes Gefühl dazu, das rührt mich richtig an. Morgen kommt der neue Esstisch. Wir sind total gescheitert. Es riecht so gut nach dem Basilikum. Total gescheitert. Tja. Da gibt es nur noch eins zu tun. Ich muss gehen. BETT Tja. Für eine Abtreibung war das ja zu spät, aber meine Mutter hats eben doch versucht. Sie hat sich halt geärgert, weil sie vergewaltigt worden ist. Aber da kann ich ja nix dafür. Und wenn man anschaffen geht, dann muss man irgendwie auch damit rechnen. Sie hat alles mögliche probiert. Auch Stricknadeln und so weiter. Tja. Kann ich nur sagen, nicht getroffen, Schnaps gesoffen, Alkoholikerin, sagt man, aber ich bin trotz alledem nicht weggegangen. Ja, zum Glück, sag ich nur, zum Glück, weil sonst wär ich ja nicht da. SAMMELTASSEN Hoppla, das hat sich aber sehr verändert. Was soll denn dieser Kühlschrank da. Ein Kühlschrank. Noch ein Kühlschrank. Eine ganze Reihe, eine Kühlschrankreihe. Offensichtlich eine Art Versuchsanordnung. Die Kühlschränke variieren in Form und Farbe, keine Regelhaftigkeit erkennbar, und dieser Kühlschrank hier ist leer. Und der hier auch. Und der auch. Und der hier auch, ich schließe daraus, alle beteiligten Kühlschränke sind leer. BILD Alles, was ich mitgebracht habe, sind drei große Kisten, ein Rucksack, zwei Kleiderkoffer und das Jüngste Gericht. Das Jüngste Gericht hat mir meine Mutter vor ihrem Tod vermacht. Das Bild ist fast zwei Quadratmeter groß und ein Musterbeispiel an präraffaelitischer Maltugend; eine dramatische Komposition von greller Leuchtkraft, komplizierten Perspektiven und mikrodetailliert gemalten Faltenwürfen. Das Bild steht immer gut verpackt im Keller oder hinter einem Kleiderschrank. Eben da, wo es am wenigsten stört. HAUS ruhig atmen, Kopf freimachen, schlafen wenigstens für ein paar Stunden ein weiterer Kredit ist ausgeschlossen ein weiterer Kredit ist ausgeschlossen ein weiterer – was heißt das denn ganz ruhig jetzt, das heißt doch nur dass ein weiterer Kredit ogott, das kann nicht wahr sein, das bedeutet schlaf jetzt, nicht dran denken, schlafen bedauerlicherweise sehen wir uns gezwungen Arschlöcher. FERNSEHER Ich mache mir noch einen zweiten Kaffee, verschütte aus Versehen Kaffeepulver, absichtlich putze ich es nicht auf. Mit dem Kaffee wieder ab ins Bett und Fernsehen an. Das erste emotionale Highlight. Fernsehen ohne Rechtfertigung und ohne "Du, wir wollten eigentlich was unternehmen", einfach fernsehen und die absolute Zappherrschaft, wie geil ist das denn. Jetzt zapp ich zwischen Einsatz in Manhattan, Dauerwerbung und einer Pannenshow und hol mir erst mal gemütlich einen runter. Warum? Ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss. Mir geht’s so supergeil, ich bin pappsatt, schlaf noch eine Runde. Ganz wichtig: Der Fernseher bleibt an. TEEKANNE Nur zwei Häuser weiter, direkt an der Ecke, wohnt meine Nachbarin, das ist die Ayse. Ayse war erst mal sehr still, und ich muss sagen, ich war auch ein bisschen, so ein bisschen angespannt, wie fängt man denn so ein Gespräch am besten an, ohne dass da gleich – Gänsefüßchen – Islamisten, Al Kaida, Sprengstoffgürtel und – Gänsefüßchen – Schwarze Witwen, Ehrenmorde, Folter, Gleichberechtigung, EU-Beitritt, Menschenrechte, Genozid, Sportunterricht für Mädchen – Gänsefüßchen – und so weiter, das wollte ich auf keinen Fall. Zum Glück fiel mir dann noch ein, dass vor kurzem der Literaturnobelpreis an einen Türken, beziehungsweise Deutsch-Türken, nein, türkisch-türkischen, also an einen Türken, ich meine türkischen Autor verliehen wurde, ich dachte, vielleicht kann man da anknüpfen. GLOBUS nichts tun sein zuhause sein wunschlos glückliches verharren in der feierabendposition blätter blätter schön blätter blätter ja blätter blätter blätter fertig zapp zapp zapp zapp zapp zappzapp zapp zapp aus heimweh zuhause sitzen heimweh haben und einfach völlig ratlos sein ACCESSOIRES Kann ich dir was anbieten, ich hab entweder neunzig Euro aus Frankreich, oder achtundsechzigfünfzig, ich glaub Italien, ach so, verstehe, du dann mach uns einfach vier Euro fünfzig, gar kein Aufwand, nimmst du zwanzig oder dreißig Cent dazu?, na klar, hier bitte schön, bedien dich selbst. GRUNDSTÜCK Am besten hab ich mich gefühlt, wenn ich allein in einer fremden Stadt war. Geschäftlich, für ein paar Tage, oder Urlaub. Ich laufe durch die fremde Stadt. Ich male mir aus, in welchem Haus ich wohnen würde. Entscheid mich dann für das gelbe. Ein Mann verlässt den Hauseingang. Mein Nachbar. He, Giorgio, wie geht’s? Und in dieser Bäckerei würd ich morgens meine Brötchen kaufen. Ich schlendere durch ein antikes Möbelgeschäft. Richte mir in Gedanken das gelbe Haus ein. Ich lasse mir von dem Verkäufer genau die Vorzüge eines Chippendale-Schreibtisches erklären. Er gefällt mir gut, aber ich finde ihn ein bisschen zu klein. Mein Leben in dem gelben Haus wär eins mit viel Korrespondenz.

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