FRITZ LANG - DIE ENTSCHEIDUNG
INTERVIEW MIT ALEXANDER KLUGE Sie haben in den 50er Jahren bei Fritz Lang volontiert. Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit? Ich war Justiziar des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt, das von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno geleitet wurde. Max Horkheimer und Fritz Lang waren in Los Angeles während der Kriegszeit befreundet. Adorno wollte mir die Literatur abgewöhnen und schickte mich mit einem Brief zu Fritz Lang nach Berlin. Ich habe mich bei Lang als Volontär beworben und er hat mich angenommen. Adornos Gedanke war, dass ich ihm vielleicht auch juristisch helfen könnte, wenn er sich gegenüber den CCC-Studios durchsetzen musste. Ich sollte aber auch bei ihm lernen und das habe ich beim Tiger von Eschnapur getan. Wie erlebten Sie Fritz Lang bei den Dreharbeiten? Er war eine überragende Persönlichkeit, die am Morgen mit einer ganzen Fülle von Zetteln und Plänen ins Studio kam und sagte, hier müssen wir in die Tiefe bauen, man darf keine solche „scheinhafte“ Filmdekoration bauen, sondern die Kamera muss durch die Perspektive hindurch sehen. Er war ein Herrscher und setzte seinen Willen durch, allerdings tat er dies auf seine liebenswürdige, österreichische Weise. Er hatte nichts Preußisches an sich. Es kam vor, dass er einen preußischen Stil nachahmte, aber man konnte erkennen, wann er damit begann und wieder aufhörte. Er setzte dies so ein wie er ein Monokel einsetzte, wie ein Kleidungsstück, ein Kostüm. Mich faszinierte, was er während des ganzen Tages an schnellen Ideen produzierte. Es gab immer so eine Art Hofgesellschaft bei Fritz Lang – dazu gehörten unter anderem ich und seine Lebensgefährtin Lilly Latté –, wo beraten wurde, was man alles noch machen kann und welcher der nächste Film sein sollte. Was lernten Sie konkret bei ihm? Ich habe zwei Dinge bei Fritz Lang gelernt: erstens habe ich meine Lebensläufe geschrieben, in der Kantine, und zweitens habe ich zugeguckt, wie Spielfilm bzw. Atelierfilm funktioniert, wie man zum Beispiel eine kleine Ziege befestigte und dann einen Tiger aus dem Zoo auf diese Ziege ansetzte und in eine Kuhle fallen ließ. Das wurde sehr realistisch und wirkungsvoll inszeniert. Fritz Lang war ein magischer Kopf. Ich verehre ihn sehr. Wie sehen Sie persönlich seine Entscheidung fürs Exil aus Deutschland? Meiner Meinung nach war er nicht aus politischer Überzeugung tätig, wenn er Filme machte, sondern in der Richtung eines Stils, dem er sich verpflichtete. Er musste nicht aus politischen Gründen flüchten, das hat er hinterher vielleicht so stilisiert. Es ist eine Frage des Standes und des Benehmens, des savoir vivre, das ihn hinderte, sich weiterhin in Deutschland anzusiedeln. Er machte etwas Ähnliches, was Erich von Stroheim tat, und behängte sich mit einem elitären, positiven Männerstatus, in dem er lebte und in dem er auch regieren wollte. Es war eine Entscheidung fürs Leben und die Welt, nicht so sehr eine politische Entscheidung. Er hatte den Eindruck, dass eine bestimmte Welt in Deutschland verschwand. Als er in den 50er Jahren nach Berlin zurückkehrte, hatte das überhaupt nichts mehr mit dem Berlin zu tun, das er kannte. Das Interview führte Cordula Treml am 13. Juli 2009 in München.