FRITZ LANG - DIE ENTSCHEIDUNG
STEPHAN BRUCKMEIER ZU FRITZ LANG – DIE ENTSCHEIDUNG „Der 30. März 1933 ist der letzte Tag von Fritz Lang in Deutschland. Durch M, Die Nibelungen und Metropolis ist er der berühmteste deutsche Filmregisseur. Goebbels will ihn zum Chef der UFA machen. Lang liebt sein Land und seine Sprache, seine Freunde, seine Erfolge. Er streift durch Berlin, getrieben von widersprüchlichen Empfindungen und Gedanken, von Babelsberg in die Innenstadt, vom Propagandaministerium zu seiner Frau, der Hitler-Anhängerin Thea von Harbou. Berühmte Namen wie Ernst Lubitsch und Marlene Dietrich tauchen auf, Filme, Straßen und Plätze erzeugen eine fesselnde Illusion von Authentizität, schaffen Bilder voller Sehnsucht und Zerrissenheit. Am Ende bleibt Lang keine Wahl.“ So lautet der Klappentext des Romans Ich werde sie jagen bis ans Ende der Welt. Die französische Autorin Agnès Michaux beschreibt in ihrem Buch die Empfindungen des großen Künstlers auf dem Weg zur Entscheidung. Im Bühnenmonolog sehen wir einen Mann, der weiß, dass er nicht lange Zeit hat. Mit der dem Regisseur entsprechenden Präzision geht er durch seine Gedanken, Erinnerungen, Bilder, denkt daran zu bleiben, denkt daran zu gehen. Er ist auf der verzweifelten Suche nach einem Ausweg in einer ausweglosen Situation. Wenn er bleibt, verliert er möglicherweise sein Gesicht, wenn er geht, verliert er möglicherweise alles. Wenn er geht, verliert er möglicherweise seinen Beruf, wenn er bleibt möglicherweise sein Leben. Am Ende hat er sich entschieden. Gegen die Anpassung. Der Theatermonolog folgt dem Buch, das Buch folgt der Biographie. Trotzdem führt das Theaterstück durch Lang hindurch und über ihn hinaus. Es behandelt die grundsätzliche Frage, die sich jeder Künstler immer wieder stellen muss: was ist mir mein Gewissen wert? Es behandelt die Frage, die sich jeder Mensch immer wieder stellen muss: wo ist die Grenze, ab der man nicht mehr nachgeben darf. Im Falle von Fritz Lang ist die Fallhöhe besonders groß und offensichtlich, ein berühmter Filmregisseur muss der Huldigung widerstehen, um sein Gesicht zu wahren und Künstler bleiben zu können, läuft aber Gefahr, seinen Beruf durch diesen Schritt nicht mehr ausüben zu können. Dieses Schicksal erlitten viele Menschen in Nazideutschland, dieses Schicksal aber erleiden nach wie vor viele Künstler in verschiedenen Ländern. Im Leben eines Künstlers kommt die Dramatik der Entscheidung besonders gut zur Geltung, weil der Beruf Moral, Konsequenz und Erfolg offensichtlich verbindet. Jeder Mensch aber steht, oder kann vor einer Entscheidung stehen, die nicht aufgeschoben werden darf, die gefällt werden muss: zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen dem Verschließen der Augen und dem Umgehen mit dem Offensichtlichen. Der Mann im Wartesaal seiner Zukunft ist als Bühnenfigur neutral, er ist nicht Fritz Lang, könnte es aber sein, wird es werden. Kurze Ausschnitte aus Langs Film Das Testament des Dr. Mabuse, der vom Propagandaministerium zensuriert wurde, ergänzen, kommentieren, reflektieren und realisieren die Gedanken, der Mensch wird zur Projektionsfläche, zur Kulisse seiner eigenen Sätze, Erinnerungen, Visionen, in die er ein- und aussteigt. Der Mensch wird zur Figur, sein Gesicht zum Hintergrund. Der Filmemacher ist Film, Projektion, Kunstobjekt. Dazu bahnt sich die Sprache ihren Weg wie ein gehetztes Tier. Wie ein surrealistischer Traum mischen sich Film, Realität und Sprache, zum Schluss wird das Erwachen sein, kalt und klar und sachlich. Diese filmisch-theatralische Untersuchung beschäftigt sich nicht wesentlich mit der Wirklichkeit, sondern mit der Wahrheit. Wir können trotz seiner Tagebuchaufzeichnungen nicht wissen, was er genau gedacht hat, aber wir wissen, wie er sich entschieden hat. Auf diese Weise kann man rückblickend, im Nachhinein, Mut machen, auch schwerwiegende und schwere Entscheidungen so lange zu bearbeiten, bis man sie fällen kann, ohne in Zukunft Ausreden gebrauchen zu müssen. Solche Entscheidungen fallen nicht leicht, auch Fritz Lang nicht, aber sie sind möglich. Das zeigt der Abend.