DIE WANDERER

JOSHUA SOBOL: VON KRIEGERN UND SCHERBEN Ich lebe in einem Land, in dem – mit Unterbrechungen - seit 100 Jahren Krieg herrscht. In diesem Krieg haben Menschen einander mit Messern, Hacken, Steinen, mit Flinten, Gewehren, Granaten, Kanonen, mit primitiven menschlichen und hoch entwickelten intelligenten Bomben, mit Raketen und Lenkwaffen getötet und viele haben in dieser Menschenschlächterei ihr Leben verloren, viele mehr ihr Heim und ihren Besitz und nicht wenige ihre geistige Gesundheit. Denn Krieg verwüstet nicht nur Länder. Er zerstört auch Menschen. Die einen zerstört er physisch, die anderen verdirbt er moralisch und viele beschädigt er geistig. Auf Dauer werden Menschen im Krieg so krank, dass sie nicht mehr anders können, als Krieg um des Krieges willen zu führen, auch ohne die geringste Chance auf einen Sieg. Wenn ihnen niemand zuhört, reden Menschen mit den Wänden und wenn sie mit den Wänden reden, sagen sie die nackte Wahrheit. Aber Menschen hören nicht auf Wände. Sie lesen meist nicht einmal die Zeichen an der Wand. In den legendären Sechzigern schrien die Wände „Make love, not war!“ Aber die Leute glauben, sie können Krieg und Liebe gleichzeitig machen. Das geht nicht. Krieg zerstört die Fähigkeit zu lieben. Die alten Griechen wussten das. Man lese ihre Tragödien sorgfältig. Sie führen uns vor, wie Krieger, siegreich oder nicht, die grundlegende Fähigkeit zu lieben einbüßen. Sie zeigen heroische Krieger als beschädigte Männer, die andere nur beschädigen können. Agamemnon ist so ein Beschädigter. Sein Kriegerhochmut lässt ihn glauben, er könne ungestraft Kassandra mit Gewalt nehmen und ungestraft Klytämnestras Menschenwürde verletzen. Aber Agamemnon ist als Mensch so kaputt, dass er das Leben aller, die mit ihm zu tun haben, im wahren Sinne des Wortes zerstört und sich selbst dazu. Im Krieg verlieren Menschen entweder ihren Verstand oder ihre Seele. Je härter der Krieg, desto brutaler die Schäden an dem menschlichen Schutt, der den Krieg führt. Mythologische Krieger, die versuchen ihre Seele zu bewahren, verlieren ihren Verstand, oder Teile davon. Eine Möglichkeit, am Leben zu bleiben, ist sich in ein tiefes Vergessen fallen zu lassen. Wenn die Seele zu Pandoras Büchse wird, ist Fugue oft die einzige Überlebensmöglichkeit. Die Psychiatrie definiert Fugue als Zustand oder Periode des Identitätsverlusts, oft gepaart mit Flucht aus der gewohnten Umgebung, verbunden mit bestimmten Formen der Hysterie und Epilepsie. Ein Mensch in diesem Fugue-Zustand kann nicht sagen, wer er war, bevor die überspannten Sehnen seines Geistes gerissen sind. Seine Vergangenheit wird zum verschwommenen, unlesbaren Text. Er braucht ein zweites Paar Augen, um seine eigene Geschichte zu entziffern. Er braucht den Anderen, die Andere, um ihm zu sagen, wer er war und was er getan hat. Er braucht den Anderen, die Andere, um sein beschädigtes altes Selbst sorgfältig zu restaurieren, sein ganzes zerschmettertes Ich liebevoll wieder herzustellen. Die Welt, in der wir leben, wird mehr und mehr zu einer permanenten Kampfzone, und die jüngere Geschichte war eine einzige Kette von Katastrophen, die so viele Menschen zerstört haben. So viele Menschen leben nach wie vor unter den grauenhaftesten Bedingungen, und verdrehte Ideologien oder bösartige Religionen ermöglichen ihnen die Flucht aus ihrem Menschsein. Besteht denn Hoffnung für einen, dessen Leben und Seele zum Schlachtfeld wurde, auf dem zwei Todfeinde aufeinander treffen und sich in einen tödlichen Kampf verwickeln, in dem das Überleben des einen den Untergang des anderen bedeutet? Kann Freundschaft ihn heilen? Kann Liebe, wahre, uneigennützige Liebe den zerbrochenen Spiegel seines Menschseins wieder herstellen? Der Prophet Jeremias sagt: „Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden.“ Ich frage mich, ob es eine Chance gibt, dass das Gegenteil wahr wird. Können Kinder die Wunden heilen, die der Krieg den Vätern geschlagen hat? Solche und ähnliche Fragen gingen mir im Kopf herum, als ich Wanderer schrieb. (Joshua Sobol, Februar 2008, Deutsch von Ingrid Rencher)

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