HAUTENG

Das meiste Theater ist immer noch ziemlich schlecht Hermione Hoby spricht mit dem bahnbrechenden Dramatiker Mike Bartlett darüber, wie man die Herzen eines modernen Publikums gewinnt. (The Guardian, 8.11.2009) „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass es gut ist, ins Theater zu gehen“, sagt der junge Dramatiker Mike Bartlett bei einem Mittagessen in Londons Royal Court Theatre, wo sein neues Stück demnächst Premiere hat. „Theater ist nicht die Kirche. Es ist nicht von Haus aus gut. Das meiste Theater ist immer noch ziemlich schlecht“. Seinen Pasta-Teller ignorierend, ist der 29-jährige in seinem Element. „Es muss Leute ansprechen, die ihre Arbeit machen und die ihr Leben haben. Theater über das Theater ist der schlimmste und definitivste Nonsens.“ In Bartletts Texten sprudelt die Sprache aus den Charakteren heraus, im Kampf darum, sich verständlich zu machen. „Es ist gut zu wissen, was das Publikum an den anderen vier Tagen der Woche gesehen hat,“ meint Bartlett und erklärt damit seinen rasanten Stil: „Wenn du immer noch Theater im 70er-Jahre-Tempo machst, dein Publikum aber The Wire*) gesehen hat, dann wird dir dein Stück ziemlich langsam vorkommen.“ Über Fernsehen sagt er: „Es hat das Potential, die Kultur auf viel größere, raschere Art zu verändern als das Theater.“ Bartlett ist in Albingdon, außerhalb von Oxford, aufgewachsen. Seine Mutter war Schuldirektorin und sein Vater Psychologe. Nach einem Englisch- und Theaterstudium an der Uni in Leeds, wo er gespielt, inszeniert und Stücke geschrieben hat, ist er nach London übersiedelt und hat mit fünf Freunden eine Truppe gegründet, die sich die Apathisten nannte („Ich muss mich von diesem Namen distanzieren. Die erste Regel ist: keinen ironischen Namen wählen – keiner wird es kapieren“) und sich einmal im Monat traf, um zu schreiben und kurze Stücke im Theatre 503 in Battersea aufzuführen. „Es hatte ein bisschen was Anarchistisches“, sagt er. „An einem Abend fanden wir nach der Vorstellung ein volles Pint Erbrochenes, was wir amüsant fanden, weil jemandem offenbar sehr diskret ziemlich schlecht wurde, und zwar so richtig. Ich denke, das war die schlimmste Kritik, die einer von uns je kriegen konnte.“ Seither sind die Kritiken freundlicher. Diese Woche wurde bekannt, dass Cock (Schwanz) das zweite Stück dieses Jahr am Royal Court war (Enron war das erste), das bereits vor der Premiere ausverkauft war. „Wir haben vier der besten Schauspieler des Landes und sie sind alle im gleichen Raum und machen mein Stück. Das fühlt sich ziemlich gut an“, sagt er. „Wenn Leute einen Abend im Theater verbringen, dann wollen sie nicht nur etwas „Gutes“ – dafür können sie auch Kabelfernsehen schauen – sie wollen etwas total Außergewöhnliches.“ *) The Wire ist eine US-amerikanische Fernsehserie, die von Kritikern als beste Fernsehserie aller Zeiten beschrieben wird.

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