DER KAKTUS
JULI ZEH IM INTERVIEW Ausschnitt aus einem Interview, das Johannes Zuber anlässlich des Erscheinens von Angriff auf die Freiheit (Hanser, 2009) für Cicero – Magazin für politische Kultur mit Juli Zeh führte. Ist die Terrorbedrohung überhaupt so real, wie sie dargestellt wird? Es ist garantiert so, dass es das, was man Al Qaida nennt, in irgendeiner Form gibt. Das Phänomen ist aber nicht besonders neu. Es wird ja so getan, als wäre der Terrorismus am 11. September 2001 erfunden worden und wir würden uns jetzt einer völlig neuen Bedrohungslage gegenübersehen. Als würden wir jetzt in einem Kriegszustand, in einem Ausnahmezustand leben, der es erforderlich macht, unsere Gesellschaften einschneidend umzubauen. Das ist eine Reaktion auf diese Bedrohung, die völlig außer Verhältnis steht. Terroristische Bedrohung gab es schon immer. Und was die uns antun kann, kann man sich ganz nüchtern zurechtlegen: Es geht um eine vorhersagbare Anzahl von Todesopfern. Das ist nicht schön, aber das sind keine Zahlen, die andere Sicherheitsrisiken, mit denen wir täglich leben, übersteigen. Die Bedrohung, die vom Terror ausgeht, die erzeugen wir eher selber durch unsere Reaktion. Ist die Einschränkung der bürgerlichen Freiheit ein Nebeneffekt der Terrorbekämpfung oder ist die Terrorbekämpfung der Vorwand für die Einschränkung der Rechte? Die Terrorbekämpfung findet tatsächlich nicht so statt, wie von Politikern und Presse proklamiert wird. Aber wir leben ja nach wie vor glücklicherweise in einer funktionierenden Demokratie. Das heißt, unsere Politik wird nicht gesteuert durch eine einzelne Person, die mit zusammengezogenen Augenbrauen auf einem Thron sitzt und sich etwas Böses ausdenkt. Das sind immer kollektive und multikomplexe Prozesse, die sich entwickeln. Deswegen mag ich nicht so richtig sagen, Bürgerrechte werden gezielt abgebaut und das Ganze wird durch angebliche Terrorbekämpfung kaschiert. Dafür bräuchte man ja eine bösartige Motivation und die ist garantiert nicht auszumachen. Was aber der Fall ist, und das kann man auch beweisen: Die Terrorbekämpfung ist vor allem ein rhetorisches Phänomen. Und da ist der Abbau von Bürgerrechten mindestens ein unerfreulicher Effekt. In der Bevölkerung und in der Politik herrscht panische Angst vor dem Terrorismus. Woher kommt diese Angst? Das ist eine hochinteressante Frage. Ein Punkt ist tatsächlich, dass Angst - genau wie Sex - ein Verkaufsargument ist. In unserer Gesellschaft hängt alles davon ab, Aufmerksamkeit zu bekommen. Und die kriegt man natürlich, indem man sich auf die Holzkiste stellt und rumbrüllt: „Die Welt geht unter und zwar gleich! Und nur ich kann es verhindern.“ Dann kommt hinzu, dass die Menschen paradoxerweise mit Verunsicherung auf ihren Wohlstand reagieren und empfänglich werden für die Angstmache. Man hört das ja auch im Freundes- oder Bekanntenkreis, dass die Leute sagen: Heutzutage ist unsere Zukunft ungewiss. Als wäre sie jemals gewiss gewesen! Und die Welt ist heutzutage so groß. Als wäre sie jemals klein gewesen! Das klingt, als wären die Menschen eine manipulierbare Schafherde ... Sie manipulieren sich ja selbst. Man muss aufpassen, dass man nicht dieses Verhältnis gedanklich aufstellt: Hier ist das Volk und da ist der Staat. Wir reden von einer großen Gruppe Menschen, in der Prozesse entstehen. Und die entstehen in einer Demokratie nicht zuletzt aus der Masse der Menschen selbst heraus. Es gibt nicht die manipulierbare Masse. Aber was die Menschen in letzter Zeit tun: Sie lassen sich hängen in einer Art nörgeligem Verunsicherungsgefühl. Eigentlich würde es reichen, sich zu fragen: Wie groß ist denn die Bedrohung wirklich? Und dann würde schon ein Großteil dieser Verunsicherung verschwinden.