FRACHT (Nautisches Denken I – IV)
KATRIN SCHURICH UND ULRIKE SYHA: FRAGEN UND ANTWORTEN ZU FRACHT KATRIN SCHURICH: Sie haben die kleinen privaten Geschichten Ihrer Figuren in ein Setting gestellt, das mit Bezügen zum Meer, zur Seefahrt, zur Piraterie spielt. Was hat Sie dazu inspiriert? ULRIKE SYHA: Das Erzählen einer Geschichte ist für mich immer auch das Erschaffen von Raum. Das Durchmessen von Raum. Beim Erzählen einer Geschichte geht es im Grunde – wie erschreckend häufig im Leben – um Besitznahme. Man kann sich die vier Hauptfiguren aus Fracht als Partikel vorstellen, die sich frei im (noch) unbeschriebenen Raum bewegen, ähnlich den Segelschiffen der großen Entdecker, die einst die Meere kreuzten, im Versuch, diese Gewässer nicht nur zu befahren, sondern sie vollständig zu durchmessen, also: in Besitz zu nehmen. Ohne je wirklich in der Lage zu sein, DAS GANZE ALS SOLCHES zu überblicken, tasten die Figuren sich vorwärts, bestimmen Längen- und Breitengrade, erkunden Quadranten um Quadranten, und das bei mehr als instabiler Wetterlage – und manchmal eben auch als Piraten im Leben der anderen. KATRIN SCHURICH: Das Meer stellt einerseits einen Raum der Freiheit dar, andererseits steht es aber für die Überwindung, die Nutzbarmachung, und die Ausbeutung. Sind Sie eine Abenteurerin? ULRIKE SYHA: Nein. Ich verfüge kaum über Abenteuerlust (die man heute vermutlich auch eher als Risikobereitschaft bezeichnen würde). Prinzipiell gehe ich gerne an fremde, unbekannte Orte, aber wirklich nutzbar machen kann ich sie erst für mich, wenn ich ein zweites Mal wiederkomme. Wenn der Ort für mich bereits BESCHRIEBEN ist – sei es durch real erlebte, nur beobachtete oder komplett erdichtete Vorkommnisse und Geschichten. Das Setting muss bekannt sein, damit ich mich an einem Ort wohlfühle. Aber diese Entwicklung kann auch kippen. Wenn ein Ort (Raum? Mensch? eine Beziehung?) mit zu vielen gegenläufigen (das heißt: von ANDEREN erlebten, beobachteten oder erdichteten) Vorkommnissen und Geschichten ÜBERSCHRIEBEN ist, neige ich dazu, das Setting wieder zu verlassen und weiterzuziehen. Früher habe ich diesen Nomadendrang in mir für Abenteuerlust gehalten. Aber das ist Quatsch. In der mentalen Urbarmachung meiner Welt bin ich Ausbeuterin im klassischen Sinne, nichts weiter. KATRIN SCHURICH: Ihre Figuren scheinen unter das Stückgut im Fracht-Container geraten zu sein und dort ihren Illusionen von Freiheit nachzuhängen. Wer steht auf der Kommandobrücke? ULRIKE SYHA: Ich glaube, die größte Angst der Figuren ist die Angst vor der Erkenntnis, dass da eben niemand auf der Kommandobrücke steht. Herrenlos umherdriftende Schiffe stellen auf den Ozeanen dieser Welt eine große Gefahr dar: Je prekärer die Fracht, die sie geladen haben, umso unwägbarer das Risiko. Den Figuren wird im Lauf des Stückes klar, dass möglicherweise auch sie selbst etwas Hochexplosives an Bord haben könnten – und nicht immer nur die anderen. Eine beunruhigende Selbsterkenntnis. KATRIN SCHURICH: Sie arbeiten mit einer Dramaturgie, die die Entwurzelung der Figuren in den Text übersetzt, und rücken Ihren Figuren über den Humor auf den Leib. Kann Humor eine Haltung des Aufbegehrens sein? Oder ist es an der Zeit, zum Piraten zu werden? ULRIKE SYHA: Humor ist eine Waffe, die in erster Linie der Selbstverteidigung dient. Oder besser formuliert: der Selbsterhaltung. Generell denke ich, dass wir in einer Zeit des Aufbegehrens leben. Oder in einer Zeit VOR dem Aufbegehren. Der Pirat als Freibeuter, als den Armen wohlgesinnter Out-Law mit hehren Prinzipien drängt sich als Identifikationsfigur geradezu auf. Aber vermutlich ist das ein recht romantischer Gedanke. In Hamburg kann man derzeit den ersten Prozess des 21. Jahrhunderts gegen Piraten auf deutschem Boden verfolgen. Nach Geburtsdatum und –ort gefragt, antwortet einer der somalischen Angeklagten laut Übersetzer dem Richter: „In der Regenzeit, unter einem Baum.“ Die globalen Absurditäten sind so perfide geworden, die Schere klafft so weit auf, dass dazwischen für Seeräuberromantik wohl leider kaum noch Platz ist.