JESSICA, 30.
- Marlene Streeruwitz
- Bar&Co
- 4. – 16. April 2011, Di-Sa um 20 Uhr
„ich kann heute keine C‐movies sehen, ich bin ja selber in einem“
Jessica, 30, Single. Getrieben von Erfolgsdruck läuft die überqualifizierte, aber unterbezahlte Journalistin Jessica Somner ihrem Leben hinterher. Weder mütterliche Ratschläge, noch nächtliche Fressorgien oder sportliche Selbstkasteiung können darüber auf Dauer hinwegtäuschen. Erst als sich ihre unbefriedigende Affäre mit einem korrupten Politiker zu einer Staatsaffäre auszuweiten droht, beschließt sie zu handeln.
Jessica ist groß, blond, klein, brünett, schlank, dunkelhaarig. Ihre Geschichte ist ein Einzelschicksal, das symbolisch für das Lebensgefühl der Generation Praktikum steht: zwischen Streben nach Unabhängigkeit und Sicherheitsbedürfnis, Aufbruchsstimmung und sicherem elterlichen Hafen bleibt sie in ihrem eigenen Körper gefangen.
Jessicas aufgepasst! Alle Jessicas mit gültigem Lichtbildausweis erhalten Karten um € 3.
Frau sein mit Sack über dem Kopf
Jessica, 30 Jahre, joggt die Prater Hauptallee entlang. Ihre Gedanken drehen sich im Kreis. Sie haben, wie die Sätze in der Romanvorlage von Marlene Streeruwitz keinen Anfang und kein Ende.
In ihrem Monolog hetzt sie verbal von nächtlichen Fressorgien zur disziplinierten Mutter, von ihrem verheirateten Liebhaber, der Politiker ist, bis zu ihren Freundinnen, die eigentlich keine mehr sind, weil ihnen deren Karriere wichtiger ist. Jessica hat keine Liebe und keine Karriere.
Regisseurin Alex. Riener setzte die Bühnenvorlage von Streeruwitz’ Roman detailgetreu und gekonnt um. Dass Jessica für eine Generation von Frauen steht, die überqualifiziert und unterbezahlt sind, setzt Riener mit 13 Frauenfiguren um. Mit Plastiksack über dem Kopf endet das Stück: "Es reicht nicht", so sehr sie sich auch abstrampeln.
WIENER ZEITUNG, 6. April 2011
Denken, während du rennst
Das Theater Drachengasse zeigt derzeit eine überzeugende Inszenierung von Marlene Streeruwitz' Prekariatsroman "Jessica, 30"
Was denken eigentlich die vielen Frauen, die am frühen Morgen oder in den kühlen Abendstunden die Prater Hauptallee entlanglaufen? Bei "Jessica, 30" finden sich ein paar Anregungen dazu.
In der Bühnenfassung des Romans der österreichischen Schriftstellerin Marlene Streeruwitz legt der Text genau an der Stelle los, wo die Protagonistin Jessica ihre selbstauferlegte Jogging-Runde beginnt. Der innere Monolog durchläuft eine krude Fahrt durch das Innenleben dieser jungen Frau: Festhalten und loslassen von Gedanken, fündig werden im Wirrwarr der eigenen Assoziationen und Sicherheit erlangen: "das bin ich", "so bin ich".
Die Atemlosigkeit, die dieser Text ja bereits im Roman verströmt, wird in der Inszenierung von Alex.Riener noch verstärkt durch das behände Joggen der Jessica(s) - es sind die Schauspielerinnen Anna Morawetz und Stefanie Philipps, die sich die Sequenzen teilen. In der Bühnenfassung fügte Marlene Streeruwitz außerdem noch eine weitere Figur hinzu, die Mutter (gespielt von Karola Niederhuber) der prekären Freelance-Journalistin Jessica. Im Stück darf sie den Lebensentwurf der Tochter kommentieren und ihre Generation mit ins Spiel bringen.
Was treibt eine also an beim Joggen? Der Abend im Theater Drachengasse liefert auf diese Frage im doppelten Sinn eine Antwort. Es ist die Angst vor Gewichtszunahme, Existenzängste wie Geldsorgen, der Kampf um berufliche Anerkennung, die schäbige Affäre und die eigenen Ansprüche. Aber auch Vergessen und abschalten wollen, ganz bewegtes Objekt sein ohne zu denken.
Dass diese Jessica ein Symbolbild für eine ganze Generation ist, die sich jahrelang mit Praktikas und befristeten Aufträgen mehr unter als über Wasser hält, verdeutlicht die Bühnenfassung auf bestechende Weise. Der gesamte Lebenszusammenhang wird mitentsichert, verschlankt, konformer gemacht, auch davon erzählt diese Inszenierung. Mag auch die Problematisierung der "Generation Praktikum" theoretisch nicht mehr so taufrisch wirken, die Darstellung der intimen Zuckungen nach dieser "Behandlung" ist es allemal.
dieStandard.at, 5. April 2011
Marlene Streeruwitz' "Jessica, 30." in der Drachengasse
Die Situation ist für Jessica, 30. unbefriedigend, privat wie beruflich. Als überqualifizierte und unterbezahlte Lifestyle-Journalistin läuft die zwiegespaltene Heldin (ausdrucksstark in den Rollen: Anna Morawetz und Stefanie Philipps) aus dem gleichnamigen Roman der Autorin Marlene Streeruwitz ihrem Leben hinterher. In einer bewegungsreichen Dramatisierung (Regie: Alex.Riener) reflektiert die "beziehungsgestörte" Single-Frau joggend die Affäre mit Gerhard, dem Minister.
In der Bar des Theaters Drachengasse ist sie sich ihrer prekären Lage bewusst, kann aber die gesellschaftlichen Fesseln nicht sprengen und ringt um Stabilität, indem sie sich über Männer, Sex oder Figurenmaße definiert. Jessica erhält durch das Theaterensemble "dielaemmer" Unterstützung, das ähnlich einem antiken Chor ihre Handlungen und psychischen Abgründe zum Ausdruck bringt.
Prekariat oder Generation Praktikum beschreiben Lebensgefühle, die sich im zeitgenössischen Theater oftmals wiederfinden. Am Beispiel der 30-Jährigen bahnen sich assoziative Gedankenflüsse ihren Weg und zeigen das Spannungsverhältnis zwischen ehrgeizigem Idealismus und beruflicher Realität in einer männerdominierten Welt sowie dem Verlangen nach Freiheit bei gleichzeitiger mütterlicher Geborgenheit.
Im Gegensatz zum Roman tritt hier die fürsorgliche Mutter (Karola Niederhuber) auf, die den Niedergang aller emanzipatorischen Errungenschaften beklagt. Eine Ernsthaftigkeit ohne belehrenden Zeigefinger trägt Streeruwitz' feministisches Stück, das auf eingehende Weise das Innenleben Jessicas ausleuchtet.
DER STANDARD, 7. April 2011