HAUTENG
- Contractions/Nachwehen
- Mike Bartlett
- Theater Drachengasse
- 2. Mai – 9. Juni 2011, Di-Sa um 20 Uhr
Eigenproduktion Theater Drachengasse
Für den Gebrauch des Wortes „romantisch“ definiert die Firma wie folgt: „Alles, was in der Absicht, die Beziehung in Richtung Liebe voranzutreiben verübt wird.“
Eine Managerin bittet Mitarbeiterin Emma zum Gespräch. Verkaufszahlen? Ausgezeichnet. Umgang mit Kollegen? Kein Problem. Meinungsverschiedenheiten? Werden freundschaftlich gelöst. Wie sehr freundschaftlich?
Der Verhaltenskodex der Firma, der romantische und sexuelle Beziehungen vertraglich ausschließt, legt sich als Schlinge immer enger um den Hals von Emma. Kerzen bei einem Restaurantbesuch mit einem Kollegen, häufige Blicke, Berührungen am Arm. Entwickelt sich ihre Beziehung zu einer karriereschädigenden Form?
Irgendwann, das wissen sie, wird die Managerin alle Informationen addieren und daraus die weitere berufliche Zukunft ihrer beiden Mitarbeiter berechnen.
Eine rabenschwarze Komödie des Royal-Court-Autors Mike Bartlett.
Die Fratze des Kapitalismus
Mike Bartletts "Hauteng" als österreichische Erstaufführung im Theater Drachengasse
Die Gesellschaft ist der größte Mordschauplatz, das hat Ingeborg Bachmann bereits kurz nach dem zweiten Weltkrieg festgestellt.
Wo einst auf dem Schlachtfeld noch blutig gemordet wurde, wird nunmehr sauber und zivilisiert mit Worten hingerichtet. Wohin das im so genannten Turbokapitalismus führen kann, zeigt der 1980 geborene britische Autor Mike Bartlett in seinem Stück Hauteng. Die "Firma" verbietet romantische oder sexuelle Beziehungen unter ihren Mitarbeitern. Könnte ja die Leistung negativ beeinflussen. Es wird viel und sehr offen geredet und am Ende gleich das Schicksal der Angestellten Emma einer griechischen Tragödie.
In der Eigenproduktion des Wiener Theater Drachengasse ist Bartletts plakative Anklage des Neoliberalismus ein intimes Kammerspiel. Lediglich ein weißer Bürostuhl steht auf der Bühne zwischen den zwei schrägen Zuschauerreihen. Die grün gewandete Managerin (Nina C. Gabriel) nimmt hier Platz; und erst später wird dem Zuschauer einfallen, dass der Teufel ja nicht immer Prada, sondern manchmal auch grünes Gewand trägt.
Gut ein dutzend Mal erklingt nun das mechanische Geräusch, das Emmas (Marie-Christine Friedrich) Auftritte ankündigt: Wie durch eine Falltür rollt diese auf ihrem Bürostuhl die Rampe neben der Managerin herunter. Die Firmenzentrale als technokratische Abfertigungshalle, in der Emma der Prozess gemacht wird.
Alles so schön bunt hier.
Sie rollt an den Platz gegenüber der Managerin, der Platz der Angeklagten. Das Publikum sieht beide im Profil und verfolgt ihren Schlagabtausch wie ein Pingpong-Spiel.
Hinterfotzig lächelnd gibt die Managerin Süßigkeiten und Handcreme aus - während sie auf Emmas neuerliches Auftauchen wartet, schaut sie zur Melodie des katholischen Kinderliedes Danke für diesen guten Morgen auf ihrem iPad Katzenfotos an. Alles so schön bunt hier - doch es ist die Punkversion des Liedes.
Paprika und Schoko
Nach und nach öffnet die Managerin ihre strenge Frisur. Sie steckt sich probeweise eine rote Paprika als Zunge in den Mund, malt sich mit Schokoladencreme und Lippenstift eine Fratze: Man ahnt es schon, es ist die grausige Fratze des Kapitalismus.
Hans-Peter Kellners überzeugende Inszenierung ist plakativ und grell, wo es nötig ist. Sie weiß aber auch, wann das grausige Geschehen und die klaustrophobische Atmosphäre auf der Bühne für sich alleine stehen können. Die großartigen Darstellerinnen agieren als Gegenspielerinnen - eine ist wie der Spiegel der anderen. Sie sind beide Teil des Systems und beide seine Opfer.
DER STANDARD, 4. Mai 2011
Mobben & zerstören
„Hauteng“ von Mike Bartlett in der Drachengasse: Der 1980 geborene Hausautor des Royal Court Theatre in London wurde für seine Arbeiten für verschiedene Londoner Theater vielfach ausgezeichnet. Hans-Peter Kellner inszenierte nun das Zweipersonenstück. Brillante Übertragung ins Deutsche: Lorenz Langenegger.
Ein Drama aus dem Büroalltag, das Kellner im immer gleichen Ablauf als Szenenfolge abschnurren lässt. Zu einer im pompösen Lehnstuhl thronenden Managerin kommt die tüchtige, erfolgreiche Angestellte, deren Wirken durch brillante Verkaufszahlen Bewunderung der Kollegen erregt.
Von nun an geht´s um eine spezielle Form von Mobbing: Im Dienstvertrag wird von den Angestellten verlangt, keine romantischen oder sexuellen Beziehungen zu anderen Mitarbeitern einzugehen. Doch Emma rutscht aus …
Brillante Dialoge begleiten dieses formal immer gleiche Zerstörungsritual. Marie-Christine Friedrich zeichnet sehr genau das Schicksal der im Alltag Gedemütigten, Nina C. Gabriel ist die schlangenhafte Menschenzerstörerin.
Eine erschreckende, gültige Alltagsbeobachtung Bartletts in ausgezeichneter Darstellung.
KRONEN ZEITUNG, 6. Mai 2011
Wenn Big Brother böse an der Lebensschraube dreht
Der Job ist gut. Die Verkaufszahlen sind gut. Und so ein firmeninterner Verhaltenskodex kann Emma doch wohl auch nicht erschüttern. Oder vielleicht doch? Doch. Denn Emma wird von einer (namenlosen) Managerin zu einem Gespräch gebeten, aufgrund ihrer „romantisch-sexuellen“ Beziehung zu einem Kollegen. Das aber ist erst der Auftakt zu einem brutalen Duell zweier Frauen, das Emmas Leben für immer verändern wird.
Mit „Hauteng“ („Contractions/Nachwehen“, so der Untertitel) hat der britische Autor Mike Bartlett ein sozialkritisches Stück über Macht und Ohnmacht, über fehlende Intimsphäre und Skrupellose Konzernpolitik geschrieben, das im Wiener Theater Drachengasse (bis 9. Juni) vor allem dank der Darstellerinnen überzeugt.
Nina C. Gabriel spielt die gnadenlose Managerin, die alles über ihre Mitarbeiter weiß und wissen will, mit einem gefährlich-freundlichen Unterton. Mit zuckersüßem Lächeln, das sich immer mehr in eine Fratze verwandelt, torpediert sie Liebesbeziehungen und zerstört Lebensentwürfe. Dass sich hinter der coolen Fassade eine gebrochene Frau verbirgt, macht Gabriel dennoch deutlich.
Als Emma gibt Marie-Christine Friedrich ein erst naives, später kurz aufbegehrendes, letztlich völlig zerstörtes Bündel Mensch ohne Chance auf Rettung. …
KURIER, 4. Mai 2011
WIEN / Drachengasse:
HAUTENG von Mike Bartlett
Österreichische Erstaufführung
Die Briten sind anders. Wo sich die Deutschen in ihren neuen Stücken verkrampfen und verkopfen (ob Strauss, Pollesch, Schimmelpfennig, ein Beispiel jagt das andere), erzählen sie von Dingen, die uns angehen. Die tägliche Berufswelt beispielsweise. Wenn die Angestellte Emma zu einer Vorgesetzten gerufen wird, die Personalchefin wohl (sie nennt sich "Manager" und simuliert Interesse am "Wohlbefinden" der Angestellten), dann ist man als Publikum voll auf ihrer, der "Angestellten"- Seite - misstrauisch, distanziert, bereit, jedes mögliche Problem herunterzuspielen, um ja den Job nicht zu verlieren, sich bloß in keinen Hinterhalt locken zu lassen, auf den es die honigsüß gestellten Fragen wohl anlegen.
Wie weit Emma bereit sein wird, für ihren Job zu gehen - vor allem aber, in welchem Ausmaße Firmen heute ihre Angestellten reglementieren, überwachen, in ihrer menschlichen Freiheit amputieren ("1983" ist da längst überholt) -das zeigt der Brite Mike Bartlett in seinem Stück "Hauteng". Es dauert wenig mehr als eine Stunde, aber die hat es in sich: Am Ende entwankt man ausgepowert, als wäre man von der namenlosen Sadistin, die hier "Firmenpolitik" macht und Menschen ruiniert, selbst in die Mangel genommen worden.
Bartlett, ein 41jähriger Brite, hat das Zwei-Frauen-Stück ursprünglich als Hörspiel geschrieben, und tatsächlich ist es nur Text, Dialog in unveränderter Umgebung. Doch es hat sich zweifellos gelohnt, ein Theaterstück daraus zu machen, denn dieses Zwiegespräch in seinen nuancierten Schwankungen ist unglaublich spannend und lässt sich hervorragend spielen. Dieser "Arbeitnehmer-Thriller", wie man ihn genannt hat, steuert die gnadenlosen Unternehmensphilosophien der allmächtigen Wirtschaftsgiganten gegen die Möglichkeiten des schwachen Einzelnen, der nur eines will: Arbeit haben. Wobei Emma, die zulässt, dass ihr ganzes privates Glück zertrümmert wird, ein Mensch ist, mit dem man mitfühlen kann, die namenslose Gegnerin jedoch ein Sinnbild der Macht, die ein bisschen
Zuckerbrot hinstreckt, um gnadenlos die Peitsche hinunterknallen zu lassen.
Stark.
Und stark interpretiert in der Drachengasse, wobei Regisseur Hans-Peter Kellner nicht mehr an "Ausstattung" braucht als Bürosessel - der luxuriöse, in dem die "Managerin" unverwandt sitzt und ihr grausames Spiel treibt, und die einzelnen, die Emma für jedes Gespräch mitbringt. Am Ende sind es dann, wenn man recht gezählt hat, zwölf. In so vielen Szenen spielt sich der Machtkampf ab, der sich erst ganz am Ende umdreht, wenn Emma, die alles verloren hat, endlich gelernt hat, das Spiel so mitzuspielen, dass sie vielleicht nicht immer unterliegt... Marie-Christine Friedrich betritt den Raum für jede Szene anders, ändert sich (mit winzigen äußeren Hilfsmitteln) jedes Mal so weit, dass man genau weiß, wie es um sie bestellt ist. Versucht zu kämpfen, unterliegt, leidet, bis zum kleinen, bitteren Sieg am Ende. Eine eindrucksvolle Leistung.
Aber Nina C. Gabriel hat es leichter: Wie sie mit zuckersüßem Grinsen ihr Gegenüber belauert, ist nahezu unheimlich, und wie sie aus den stets gleichen Gemeinheiten stets neue Wirkungen holt, schafft eine Emotionalisierung im Zuschauer, wie sie wohl selten geschieht: Sie ist jedermanns persönlicher Feind, sie ist der Mensch gewordene hässliche Kapitalismus in seiner ganzen geschminkten Verlogenheit. Darum malt sie der Regisseur wohl auch im Laufe des Geschehens immer grotesker an - wenn die Handlung längst jede reale Wahrscheinlichkeit überwunden hat und noch immer ihre volle Aussagekraft besitzt.
Schön, was das Theater mit minimalsten Mitteln alles kann. Kein Zweifel - wer auch nur im entferntesten davon betroffen ist, in eine solche beruflich / menschliche Zwickmühle zu geraten, wird hier seine Lehren ziehen können. Nämlich, es nicht zu weit kommen zu lassen. Eine Theaterstunde, die man sich geben soll.
der-neue-merker, 3. Mai 2011