FRACHT (Nautisches Denken I – IV)

  • Ulrike Syha
  • Theater Drachengasse
  • 17. Jänner – 19. Februar 2011, Di-Sa um 20 Uhr
    Achtung! Keine Vorstellung am 17. Februar 2011
Österreichische Erstaufführung
Eigenproduktion Theater Drachengasse



Machen wir uns nichts vor: Die Erde ist bereits entdeckt.

Drei namenlose Berater und eine Simultandolmetscherin sitzen fest. Während sie auf ihre Flüge warten, flimmern Informationen über einen gekaperten Erdöltanker in ihre Köpfe und verweben sich mit ihren Lebensgeschichten.

Der juristische Berater für Seerecht hat keine Lust, sich wegen seiner Scheidung trösten zu lassen. Lieber genießt er in Ruhe chronologisch geordnete Katastrophenfilme und den Pauschalurlaub mit seinem imaginären Bruder in Indien.

Der Unternehmensberater erfährt nach 30 Jahren, dass er einen Sohn hat, und wird postwendend als Vater wieder entlassen. Diagnose: zu wenig gewinnversprechend.

Die Pressesprecherin einer internationalen Sicherheitsfirma verliert die Distanz zu einem kritischen Umweltjournalisten und träumt sich stattdessen in seine abenteuergestählten Arme.

Die Simultandolmetscherin schließlich hat keine eigene Geschichte. Sie ist auf der Flucht vor sich selbst und der vergehenden Zeit.

Wenn die Welt aus den Fugen gerät Ulrike Syhas "Fracht" im Wiener Theater Drachengasse Vier Flughäfen, vier Menschen, vier lose miteinander verwobene Schicksale und ein von Piraten gekapertes Schiff - das ist die Ausgangssituation von Ulrike Syhas "Fracht (Nautisches Denken I-IV)", das im Wiener Theater Drachengasse (bis 19. Februar) zum Lachen und Nachdenken anregt. Denn es sind aberwitzige Geschichten, die Syha erzählt. Hier der coole Businessmann, der plötzlich erfährt, dass er einen Sohn hat, der ihn wegen Unrentabilität als Vater aber gleich wieder entlässt. Da der frisch Geschiedene, der einen Bruder erfindet, um sich nicht trösten lassen zu müssen. Dort die PR-Frau, die sich in die Arme eines Abenteurers träumt. Dazu eine Dolmetscherin auf der Flucht vor der Zeit. Das klingt sperrig, ist es aber nicht. Denn Regisseurin Katrin Schurich hat all das in der exzellenten Ausstattung von Stefanie Stuhldreier herrlich überdreht und mit vielen Kostüm- und Perücken-Wechseln in Szene gesetzt. Perfekt wird das Leben in einer globalisierten, schrägen, leicht irrsinnigen Welt persifliert. Gespielt wird fabelhaft: Alexandra Maria Timmel, Nicola Trub, Rolf Schwab und Michael Smulik glänzen in mehreren Rollen. Sehenswert. KURIER, 21.1.2011

Business-Talk für Zierfische Auf den allerersten Blick gehört Ulrike Syhas episodisches Globalisierungsdrama Fracht (Nautisches Denken I-IV) in die Lade mit den "Verlustanzeigen". Vier Menschen stranden im Theater Drachengasse auf einem anonymen Flughafen. Das "Transit"-Schild markiert bereits die Auflösung jedes festen Figurenverzeichnisses: Menschen werden nur noch durch ihre Funktionszuschreibungen bestimmt. Bestenfalls ist jemand "Unternehmensberater": Dann kann er seine privaten Anliegen dem Erwerbsleben unterordnen und sein Handy auf Dauerempfangsbereitschaft stellen. Zum Leben der Dienstleister gehört obendrein ein gerütteltes Maß an sozialer Kälte: Menschliche Gewinnposten - etwa die nachträgliche Erfahrung, Vater geworden zu sein - werden wie Kurs-Einträge in der Profittabelle verzeichnet. Die deutschsprachigen Dramatiker sind die vielleicht hörigsten Adepten der "Cashflow"-Magazine: Sie machen sich auf die allgegenwärtige Flutung der Lebensräume mit Ökonomie-Gefasel ihren Reim. Syha aber ist keine Röggla und kein Palmetshofer: Man könnte sie stattdessen als die triumphale Komödienschreiberin der Wirtschaftsblase bezeichnen. In Fracht liegt die schlimme Geschäftigkeit eines nicht näher klassifizierbaren Unglücks über den Transitgästen eines Airports: Somalische Piraten haben einen Frachter aufgebracht. Stürzen jetzt ein paar Erwerbsleben wie Kapitalpyramiden in sich zusammen? Nichts dergleichen. In Katrin Schurichs geradezu obszön barocker Inszenierung schälen sich jeweils zwei Damen und zwei Herren aus ihren Business-Panzern heraus: Auch darin liegt ein Vorgriff auf die hoffentlich noch kommende Emanzipation des armen, ausgebeuteten Menschengeschlechts. Die Warteschleife vor dem Eincheck-Schalter (Bühne: Stefanie Stuhldreier) ermöglicht den raschen Wechsel in Lebenssphären, die man "privat" nennen würde. Wenn man nicht bereits wüsste, dass auch das Private nur Produktivkraft ist im international wuchernden Wettbewerbsgeschehen. Soldaten und Verkäufer "Berater 1" (Rolf Schwab) ist der hagere, austrainierte Frontsoldat im harten Ringen um die Profitmaximierung. Sein Gegenüber "Berater 2" (Michael Smulik) gibt nicht nur den spät auftauchenden Sohn als um Fassung ringenden, um Struktur bemühten Gutmenschen. Überhaupt schlüpfen die Mitglieder des kleinen Ensembles unentwegt in alle möglichen Charaktermasken: als wäre der Kapitalismus mit seinen eigenen Mitteln noch am ehesten zu übertölpeln. Jede und jeder kann alles spielen. Speed kills! Die Lorbeerkronen für diese insgesamt höchst vergnügliche Produktion möchte man aber dennoch den Damen aushändigen: Nicola Trub kann den blonden russischen Zierfisch im Eheaquarium ebenso geben wie die schwäbische Bürohilfskraft, Alexandra Maria Timmel die Simultandolmetscherin und die Brotfilialverkäuferin. Kapitalismus-Kabarett, aber eines mit Schmiss. DER STANDARD, 19.1.2011

Menschliche Fracht als Treibgut ohne Sinn und Ziel Menschen auf der Suche. Doch sie können nicht fündig werden, da sie sich zu wichtig nehmen, ihre eigene Meinung für die einzig wahre halten. So werden sie zu Treibgut, das einfach vom Strudel mitgerissen wird, ohne Sinn und Ziel. "Fracht (nautisches Denken I-IV)" nennt sich das zutiefst pessimistische Stück der jungen deutschen Autorin Ulrike Syha: Vier Personen warten auf Flughäfen, beobachten die Bildschirme, hören Durchsagen, erfahren etwas über einen gekaperten Öltanker. In Ihren Köpfen vermischt sich die Nachricht mit ihren eigenen Geschichten. Ihre vorbehaltlose Selbstanbetung "entmenschlicht" sie sozusagen, macht sie zum Ding, eben zur "Fracht". Grelle und schrille Jagd Die Ausstatterin Stefanie Stuhldreier entfesselt eine wahre Kostüm- und Perückenschlacht und Regisseurin Katrin Schurich treibt gekonnt mit Entsetzen Scherz. Grell und schrill jagt sie eine Gesellschaft durch das Geschehen, die kein Miteinander mehr kennt, die weder dem Nächsten zustrebt noch Gott. Ein bravourös präsentierter Zerrspiegel, der einem brillanten Schauspielerquartett – Rolf Schwab, Michael Smulik, Alexandra Maria Timmel und Nicola Trub – alle Möglichkeiten bietet, zu verstören und Lachen auszulösen, das einem im Hals stecken bleibt. Wiener Zeitung, 19.1.2011

FRACHT (NAUTISCHES DENKEN I-IV) von Ulrike Syha Eisern hält man in der Drachengasse an den Ansprüchen fest, anspruchsvolles Theater von heute zu bringen. Man hatte keinen Grund, von der 34jährigen deutschen Autorin Ulrike Syha anderes zu erwarten. Stipendien, Preise, die Tätigkeit als Hausautorin säumen ihren Weg in den Erfolg. Und wenn ein Stück, das nun in der Drachengasse zur österreichischen Erstaufführung kam, "Fracht" heißt, mit dem Untertitel "Nautisches Denken I - IV", dann wirkt dies auf jeden Fall düster. Ist es aber nicht. Sicher, die Ausgangssituation berichtet von der üblichen Verlorenheit der modernen Menschen - wenn vier von ihnen auf einem Flughafen festsitzen (keiner will sein, wo er ist, jeder will schon woanders sein, wird richtig angemerkt), wenn die Meldung des Tages davon handelt, dass ein Tanker vor der Küste Somalias von Piraten gekapert ist, klingt das nicht gut. Aber man muss sich nun nicht vier trostlose Monologe oder triste Dialoge anhören, die Autorin hat anderes im Sinn. Sie entwickelt uns die Schicksale der jeweiligen Protagonisten, und die drei anderen dürfen mit einer Überfülle von Verkleidungen (besonders die Perücken haben es in sich - Ausstattung: Stefanie Stuhldreier) die Nebenrollen spielen. Und das entwickelt sich nun nicht zur düsteren Anklage, wie traurig das Leben heutzutage ist, sondern zu dessen offensichtlicher Parodie. Am vergnüglichsten ist das Schicksal des Anwalts, der - selbst nicht gerade ein begehrenswertes Exemplar der Männlichkeit - überglücklich ist, als seine Frau ihn verlässt (lästig ist nur die Anteilnahme der Umwelt). Nun kann er in Ruhe nichts tun und sich Katastrophenfilme ansehen. Auch sein Indien-Urlaub (von den köstlichsten Inder- und Touristen-Typen umflattert) wäre ganz in Ordnung, hätte er sich nicht, um von allen Leuten Ruhe zu haben, einen Bruder erfunden, um den er sich kümmern muss... und da sprenkelt die Autorin dann auch Absurdes in den Jux, den sie immer toller aufpeitscht. Und so gut das Darsteller-Quartett ist, Michael Smulik hat als dieser Mann ja doch die beste Rolle des Abends. Wenn Rolf Schwab allerdings einen Unternehmensberater spielt, der in seinen reifen Jahren von einem Sohn heimgesucht wird, darf Smulik auch diesen verkörpern und Papas Freude an dem späten, reifen Sprössling ziemlich verderben. Der Unfriede ist rasch da, die Beziehung wird gewissermaßen wieder gelöst. So wie die von ihrer Chefin sehr hergenommene Pressesprecherin einer Großfirma (Nicola Trub, glänzend in dieser Rolle und in vielen anderen auch) nicht viel Glück hat, als sie an einen amerikanischen Journalisten gerät (für den sich Rolf Schwab blonde Locken auf sein sonst eher kahles Haupt setzt). Kein Schicksal, aber viele, viele von ihr glänzend gespielte Frauenrollen hat das Stück für Alexandra Maria Timmel vorgesehen, die als Simultandolmetscherin sehr viel Ungarisch ins Publikum spricht - keine Ahnung, wie gut, aber es wird in Wien genügend Leute geben, die es beurteilen können. Ob zickige Gattin, ob mitleidsvolle Verkäuferin im Brotgeschäft, ob Hippie-Girl, immer steht eine wandelnde Pointe auf der Bühne. So hat man also Boulevard reinsten Wassers gesehen. Was die Autorin mit ihrem nautischen Denken und der Fracht eigentlich beschwert haben will, hat sich in der von Regisseurin Katrin Schurich schlechtweg brillant über die Bühne gejagten Aufführung - ohne Scheu vor Selbstzweckgeblödel - allerdings nicht gezeigt. Das Publikum war schier fassungslos vor Entzücken angesichts des überaus hohen Unterhaltungsfaktors des Abends und wollte gar nicht aufhören zu klatschen. Der Online Merker, Renate Wagner, 18.1.2011

FRACHT – Nautisches Denken I-IV Die neueste Eigenproduktion vom Theater in der Drachengasse ließ sich KulturFokus-Redaktrice Angy Kreissl nicht entgehen und pilgerte am 17. Jänner 2011 in eben dieses. Vier Menschen finden sich in ein und derselben Situation wieder: auf dem Flughafen. Jeder mit seiner eigenen Geschichte, jeder mit seinen eigenen Problemen und den dazugehörigen Gedanken. Einleitend erfahren wir von einem entführten Schiff vor der Küste von Afrika. Nautisches Denken I-IV – jede These birgt eine Episode. Wer sind diese Menschen? Ein erfolgreicher Geschäftsmann (Rolf Schwab), der mit seiner Vaterschaft konfrontiert wird – in personeller Form: als sein Sohn plötzlich vor ihm steht. Nach kurz aufkommender Freude über den bereits erwachsenen Spross, sieht er sich vor dem Ergebnis dessen wissenschaftlicher Erhebung mit dem Ergebnis: Vaterqualitäten ungenügend. Da helfen auch keine noch so innigen Herzerein seiner russischen Gattin nichts – was bleibt sind Schuldgefühle dem Kind und der verlassenen einnächtlichen Freundin in Tschechien gegenüber. Nautisches Denken II bringt das Glücklichsein mit all seinen Anstrengungen hervor. Frisch geschieden und voller Vorfreude auf Couch und Bier kommt ein juristischer Berater (Michael Smulik) nicht zur Ruhe: getrieben von liebestollen Nachbarinnen und Kolleginnen flüchtet er sich in die Lebenserweckung eines imaginären Bruders. Doch was passiert, wenn dieser auf einmal real wird? Wir treffen weiters auf eine ruhelose Pressesprecherin (Nicola Trub): getrieben von Schuldgefühlen. Warum nur hat ihr Mann sie für seinen Traum verlassen? Wenn auch nur auf Zeit. Und dann dieser umwerfende Umweltjournalist … oder ist er es nicht? Seine starken Arme verzerren die Wahrnehmung. Und auf einmal droht sie Opfer einer Betriebsspionage zu werden. Nautisches Denken IV ist kurz – vieles kann die Simultandolmetscherin (Alexandra Maria Trimmel) auch nicht über sich berichten. Sie fühlt sich unsichtbar und ist auf der Flucht vor sich selbst. Vier Lebensgeschichten, die sich irgendwie fast, aber auch wieder nicht kreuzen aufgrund eines gekaperten Erdöltankers. Ein Ensemble, das durch Ausdruck und durch eine ungeheure Wandelbarkeit besticht. Man kann sich in die Charaktere hineinversetzen; sie sind keinesfalls so klar abgesteckt, dass sie unrealistisch erscheinen. Eine äußerst gelungene Produktion, die das charismatische Theater Drachengasse auf die Bühne gebracht hat. KULTURFOKUS, 17.1.2011

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