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DIE WINKENDE FRAU MERKEL AM TITICACASEE

Alles Spießer! Den Kapitalismus an den Eiern packen! – Philipp Löhles Figur Gospodin hat eine pointierte Ausdrucksweise, wenn er über seine neue Lebensform spricht. Nicht ganz so zugespitzt formuliert der Autor von Genannt Gospodin, wenn er per E-Mail Auskunft gibt zu seinem Stück, zur aktuellen Finanzkrise und zum Erbe der 68er.

Warum heißt Gospodin „Gospodin“?

Gospodin nennt sich so und wird so genannt. Das Wort stammt aus dem Russischen, wo es „Herr“ heißt, wie bei uns in seiner doppelten Bedeutung. Für einen, der sich rausnimmt aus der Gesellschaft, drunter oder drüber steht, ist das natürlich ein sehr passender Name.

Gospodin ist überzeugt, dass Geld nicht nötig sein darf. Kannst Du Dir eine Gesellschaft jenseits des Kapitalismus vorstellen?

Die Frage ist vielleicht, wo Kapitalismus anfängt. Ein Hauptmerkmal ist leider, dass einer auf Kosten anderer mehr Gewinn macht als ihm „zusteht“. Und diese Gier ist doch das Perverse und Unmenschliche daran. Es wäre doch gar nichts dagegen zu sagen, wenn es gerechter aufgeteilt würde. Aber wie soll man denn einem Arbeiter erklären, warum er jetzt leider entlassen werden muss, während sein Supermegaboss immer noch Millionen macht. Das ist doch das Seltsame, was sich auch ohne Finanzkrise zeigt, die ja nur eben jene perverse Gier offen legt.

Gerade eben hat der Kapitalismus in der Finanzkrise einen erheblichen Dämpfer gekriegt …

Ich glaube nicht, dass der Kapitalismus in der Finanzkrise einen Dämpfer bekommen hat. Den Dämpfer bekommen ja nicht die Spekulanten. Für die schwingt jetzt eben das Pendel mal zurück, aber das heißt ja nur, dass man mal kurz warten muss und dann wenn alles völlig am Boden liegt, steigen sie wieder ein, kaufen Aktien und Hypotheken bis sie blöd sind und machen das so lange, bis wieder alles zusammenbricht. Man muss kaufen, wenn das Blut auf den Straßen fließt, heißt es. Und die so denken, werden noch ihre Freude an der Finanzkrise haben.

Kann man heutzutage überhaupt noch aus dem „System“ aussteigen?

Klar. Aber das hieße autark leben und das ist wahrscheinlich total anstrengend. Ich war mal auf einer Insel auf dem Titicacasee. Da haben wir bei einer kleinen Familie gewohnt. Die hatten Schafe neben dem Haus, eine Kuh an einem Baum und einen Acker Kartoffeln. Alles was es da zu essen und zu trinken gab, haben die im Umkreis von 50 Metern selber angebaut. Zur Dämmung ihrer Lehmküche haben sie Zeitungen an die Wand geklebt. Da war witzigerweise die winkende Frau Merkel abgebildet, weil sie frisch zur Kanzlerin gewählt worden war. Unsere Wirtin hat das aber nicht gewusst, weil sie nicht lesen konnte.


Ist die Verweigerung die letzte mögliche Form von Protest?

Nein. Die letzte mögliche Form ist in die Politik gehen, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden und alles zu ändern. Verweigerung ist ziemlich unproduktiv und nicht gerade konstruktiv.

Genannt Gospodin ist ein politisches, ein kritisches Stück, auch wenn die Kritik humorvoll und überhaupt nicht mit erhobenem Zeigefinger formuliert wird …

Gerade der erhobene Zeigefinger ist doch das Langweiligste, was es gibt. Außerdem schließt der immer mit ein, dass man eine Lösung weiß. Ich weiß keine Lösung, sonst hätte ich am Theater nix zu suchen. Im Theater kann man aber ziemlich gut Fragen stellen und Sachen hinterfragen, und mit Humor lassen sich alltägliche Dinge, eine Nuance weitergedreht, als völlig absurd darstellen. Dadurch lässt sich viel offen legen. Und das ist eine große Chance der Komik.

„Es kommt darauf an, dass einer es wagt, ganz er selbst, ein einzelner Mensch, dieser bestimmte einzelne Mensch zu sein.“ Diesen Satz von Sǿren Kierkegaard stellst Du dem Stück voraus. Was gewinnt Gospodin durch seine Verweigerung an der Gesellschaft teilzunehmen? Er wird doch einfach immer nur einsamer?

Gospodin will nichts „gewinnen“. Eben nicht. Er will nur er selbst sein. Das ist er eigentlich auch schon die ganze Zeit, aber am Ende schafft er es auch, ohne dabei ständig gestört zu werden.

Siehst Du Dich als Erbe der 68er?

Die 68er haben für die größten gesellschaftlichen Umwälzungen des letzten Jahrhunderts gesorgt. Und zwar in allen Bereichen. Vieles was für mich selbstverständlich ist, wurde durch die 68er erstritten. Das bewundere ich. Und ich finde, man muss diese Bewegung klar von der ihr folgenden, völlig hirnrissigen radikalen Zeit der 70er Jahre trennen.

Wäre Gospodin auch in einem Kloster glücklich geworden?

Ich glaube in ein Kloster geht man mit einem klaren metaphysischen oder spirituellen Ziel. Sowas fehlt Gospodin. Außerdem weiß ich nicht, ob die im Kloster einen Fernseher haben.



Dieses E-Mail-Interview wurde anlässlich der Schweizer Erstaufführung von Genannt Gospodin im Theater Biel-Solothurn von Silvie von Kaenel gemacht.