Brandung

  • Maria Milisavljevic
  • Theater Drachengasse
  • 27. Oktober – 21. November 2015
    Di-Sa um 20 Uhr




















Wer will, der erzählt, wer nicht, braucht es, das Schweigen.

Gestern, vorgestern, seit vielen Tagen suchen Vlado, Martina und ich nach der verschwundenen Karla. Vlado, ihr Liebster, folgt jeder Spur, er trifft sich mit Informanten – oder doch Verdächtigen? Und mit jedem erfolglosen Tag starrt er tiefer in den Abgrund. In alles, was er getan haben könnte.

Meine Schwester Martina organisiert Suchtrupps im ganzen Land, erstellt eine Website und klebt Zettel an Laternen und Bäume. Kann sie die Katastrophe abwenden? Verschwinden, das kennt sie. Aus der Zeit, als Mama noch da war. Und dann nicht mehr.

Ich schaue in den Spiegel, in den Abgrund meiner Erinnerung und versuche unsere Geschichte zu erzählen. Was ist passiert?

Ein Stiefel am Fluss. Nur ein einziges kleines Kugelschreiberherz ist darauf gekritzelt, nicht zwei. Irgendetwas stimmt nicht an dieser Geschichte. Heute, gestern und noch viele Tage.


HÖRPROBE
 

Maria Milisavljevic and Guy Ben-Aharon discuss 
Brandung/Abyss at Goethe-Institut Boston


Regie: Sandra Schüddekopf
Bühne, Kostüm: Andrea Fischer
Musikalisches Konzept: Rupert Derschmidt
Regieassistenz: Martina Theissl
Bühnen- und Kostümassistenz: Nicole Spröte
Es spielen: Roman Blumenschein, Anna Kramer, Constanze Passin

Rechte bei: S. Fischer Verlag GmbH Frankfurt/Main

Dauer: 1:40 ohne Pause

Große Suchaktion:
Mord oder verschollen?


Seit „gestern, vorgestern, vor drei Tagen“, dann seit „gestern, vorgestern“ ist Karla verschwunden. Vermisst wird sie von Vlado (mit dem sie was hat), der Ich-Erzählern (die mit Vlado was hat) und Martina (die diese Dreiecksbeziehung doof findet). Sandra Schüddekopf choreografiert die Figuren des 2013 mit dem Kleist-Förderpreis ausgezeichneten Textes „Brandung“ von Maria Milisavlevic in einen Strudel aus Handlung und Kommentar hinein. Auf der Bühne von Andrea Fischer (ein verlassener Swimmingpool) breitet sich der Strudel aus wie eine Ziselierung. Roman Blumenschein, Anna Kramer und Constanze Passin spielen atemlos exakt alle Figuren und erzählen eine überbordende Geschichte von Heimatlosigkeit.

FALTER, 45/15


Maria Milisavljevic: Brandung

Der deutschen Autorin Maria Milisavljevic ist mit dem Drama „Brandung“ ein erstaunliches Stück gelungen, das schon mit Erfolg in Deutschland aufgeführt wurde. Jetzt folgte eine Inszenierung im Theater Drachengasse. Ob es hier ähnlich gut laufen wird, davon wollte sich DieKleinkunst-Redakteur Gerd Kern bei der ausverkauften Premiere überzeugen.

Die 1982 im sauerländischen Arnsberg geborene und in Toronto als Dramaturgin lebende Autorin Maria Milisavljevic hat 2013 mit „Brandung“ den Kleist-Förderpreis gewonnen, was eine wirklich ernsthafte Empfehlung darstellt. Sie stammt aus einer kroatischen Familie, und diese Wurzeln tauchen auch in ihrem Stück immer wieder auf, ohne dass es jedoch ein Migrantendrama ist. Viel eher ist es eine Milieustudie junger Leute, die sich selbst, die Qualität ihrer Beziehungen und ihren Platz in der Welt suchen.

Vordergründig ist „Brandung“ beinahe so etwas wie ein Kriminalstück. Drei Figuren (ich, Martina und Vlado) stehen auf der Bühne, schlüpfen aber auch immer wieder nahtlos in andere Identitäten und  Zeiten, und treiben damit die Geschichte auf verschiedenen Ebenen voran.

Ich: „Ich schaue in den Spiegel, in den Abgrund meiner Erinnerung und versuche unsere Geschichte zu erzählen. Was ist passiert?“ Vermisst wird ihre Freundin Karla, eine Studentin, die nur kurz einkaufen gehen wollte, zuletzt in einem Edeka-Laden gesehen wurde und seither spurlos verschwunden ist. Die Polizei nimmt den Fall zuerst nicht ernst, aber Karla bleibt verschwunden.

Tatsächlich ist aber alles viel komplizierten, denn Vlado hatte jahrelang auch ein Verhältnis mit „ich“, die selbst auch einen anderen Lover hatte. Von all dem hatte Karla niemand informiert, aber ganz offensichtlich hatte sie zuletzt etwas gemerkt. Viele Tage später wird ihre Leiche aus dem Fluss geborgen. War ihr Verschwinden ein Suizid oder vielleicht sogar ein Mord? Dann taucht noch ein geheimnisvoller Zeuge auf, was Vlado sichtlich beunruhigt. Hat etwa er....?

Kunstvoll arbeitet die Autorin heraus, dass es sich eigentlich um einen erotischen Konflikt handelt. Dabei nimmt sie aber nicht moralisch Stellung, sondern erzählt ganz kühl und analytisch diese Story. Erzählt ist etwas untertrieben, denn Milisavljevic mischt Erzähltext, Dialoge und Gedanken, verwendet lyrische Passagen und englische Zitate. Sie spult Szenen wie im Film zurück und betrachtet sie aus verschiedenen Blickwinkeln („gestern, heute, vorgestern, seit drei Tagen“ usw.)

Der Inszenierung dieses mysteriös-surrealen Psychothrillers durch Sandra Schüddekopf gelingt es, den manchmal etwas überbordenden Text im Griff zu behalten und auch die Schauspieler machen mit Charme und unterkühltem Humor das Geschehen und die manchmal etwas abrupten Sprünge glaubhaft. Vor allem Anna Kramer als „ich“ überzeugt voll. Ihr zuzusehen macht wirklich Spaß, und sie hat damit einen entscheidenden Anteil daran, dass der Zuseher der manchmal etwas unübersichtlichen Handlung gerne folgt und von ihr gefesselt wird. Aber auch Constanze Passin als Martina und Roman Blumenschein als Vlado  tragen entscheidend zum Gelingen der Aufführung bei. Bühne und Kostüme von Andrea Fischer bilden einen passenden, kühlen Hintergrund und lenken nicht unnötig von der Handlung ab. Auch die musikalische Untermalung – technisch von den Schauspielern selbst bedient – unterstreicht die Handlung perfekt.

Die bei der Aufführung anwesende Autorin war über die begeisterte Aufnahme durch das Publikum sichtlich beeindruckt. Das Stück läuft im Theater Drachengasse noch bis 21.November.

diekleinkunst.com, 30.10.2015


Kugelschreiberherzen
Junge Dramatik als Krimi in der Drachengasse.

Karla wird vermisst. Die Erzählerin, deren Namen wir nicht kennen, deren Schwester Martina und Vlado, Karlas Freund, suchen sie. Während sie versuchen, mit der Situation umzugehen, erinnern sie sich an gemeinsame Tage zu viert. Die anfangs unbeschwerten Freunde verheddern sich zunehmend in einem Netz aus Familiengeschichten, Liebesdramen und Geheimnissen.

Das Drama von Maria Milisavljevic, die für dieses Stück 2013 den Kleistförderpreis für junge Dramatik gewann, entwickelt sich erst langsam zum Krimi. Bei der österreichischen Erstaufführung im vollbesetzten kleinen Theater in der Drachengasse wird ordentlich Lärm gemacht.

Sprachlich gelingen präzise Beschreibungen und hintersinnige Anspielungen. Die Schauspieler wechseln die Rollen, sind mal Polizisten, dann Eltern der Verschwundenen und wieder Vlado und Martina. Nur die Ich-Erzählerin bleibt dieselbe. Ihr entkommen mitunter etwas gestelzte Sätze - "Die Stimmung war grau, aber der Tag war jung." Meistens aber sitzt das, was gesprochen wird. So heißt es einmal: "Die Alten wissen: Wer will, der erzählt, wer nicht, der braucht es, das Schweigen."

Dunkle Erinnerungen
Die Erzählerin scheint es zu brauchen, das Reden und langsam wird klar, dass die drei Freunde nicht mehr herauskommen werden aus ihren dunklen Erinnerungen. Karla hat einmal drei Herzen mit dem Kugelschreiber auf ihre Flip-Flops gemalt. Für sich und die, die sie liebte. Bevor sie verschwand, malte sie nur noch eines auf ihre neuen roten Gummistiefel.

Wiener Zeitung, 29.10.2015


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